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Die unendlichen Bewerbungsprozesse in der Schweiz und wie man damit umgeht

Bewerbungsprozess

So mancher Bewerber soll sich schon zu Tode gewartet haben.

Die Schweiz ist besonders – das gilt namentlich für die Bewerbungsprozesse. Während anderswo sieben Wochen von der Bewerbung bis zum Angebot vergehen und in dringenden Fällen auch mal vier Wochen genügen, lässt sich so mancher Schweizer Bank Monate Zeit.

„Wenn sich die Prozesse in die Länge ziehen, drohen die besten Kandidaten abzuspringen“, klagt Nick Dunnett, Geschäftsführer der Personalberatung Robert Walters in Deutschland und der Schweiz. „Besonders Kandidaten mit einem interessanten ‚Skillset‘ sind natürlich sehr gefragt und somit auch schnell zu verlieren, wenn man als Unternehmen nicht zeitnah Rückmeldung gibt.“

Abteilungsleiter dürfen nicht mehr im Alleingang einstellen

„Heute können die Line Manager nicht mehr im Alleingang entscheiden, sondern es gibt standardisierte Prozesse. Darüber hinaus müssen die Rekrutierungsbudgets ganz oben abgesegnet werden“, erläutert Headhunter Emanuel Kessler von kessler.vogler in Zürich. „All das führt dazu, dass die Prozesse komplexer und langwieriger sind als in der Vergangenheit.“

„Die Einstellungsprozesse dauern heute oft länger als in der Vergangenheit. Das ist aber keine ganz neue Entwicklung“, bestätigt Headhunter Gerold Guggenbühl von Guggenbühl, Bächer, Niederer & Partner in Zürich. Dies führt der Personalberater auf eine gesunkene Risikobereitschaft zurück. „Viele Manager wollen ihre Entscheidung durch Fachleute aus dem HR und auch durch Mitarbeiter absichern lassen. Eine Besetzung kommt nur zustande, wenn auch alle zustimmen“, erläutert Guggenbühl. „Das kann sich dann schon einige Zeit hinziehen.“

Rekord liegt bei 30 Vorstellungsgesprächen

Laut Dunnett seien Vorstellungsgespräche, die dann doch über mehrere Wochen bis hin zu Monaten hinziehen, in der Schweiz keine Seltenheit. „Der Rekord liegt bei 30 Vorstellungsgesprächen bei dem gleichen Arbeitgeber“, berichtet ein anderer Headhunter aus Zürich, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Die Zahl falle besonders hoch aus, wenn es sich um Großunternehmen handle oder Personen bzw. Entscheidungsträger aus der Unternehmenszentrale oder anderen Standorten wie z.B. London in den Prozessen eingebunden sind und mitentscheiden müssen. „In solchen Fällen empfehle ich den Kunden immer: Es muss nicht jeder an dem Vorstellungsprozess beteiligt sein. Es sollte vorher gut überlegt werden, welcher Ansprechpartner wirklich wichtig für das Vorstellungsgespräch ist“, erzählt Dunnett.

Dagegen gibt Guggenbühl Entwarnung. „Normal sind in der Schweiz drei bis vier Termine. Das kann aber auch bedeuten, dass an einem Termin mehrere Gespräche stattfinden.“

In Schweizer dauert es länger als in Deutschland oder Großbritannien

Dies ist von Land zu Land, aber auch von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich, beobachtet Dunnett. Nach den Erfahrungen von Robert Walters läuft dies in Großbritannien deutlich rascher als in der Schweiz. „Auch in Frankfurt sind die Arbeitgeber oft schneller“, ergänzt Dunnett. Der Personalexperte führt dies auf einen höheren Anteil des Kapitalmarktgeschäfts an diesen Standorten als in Zürich zurück, was eine andere Kultur mit sich bringe.

„Dagegen ist die Schweiz sehr vom Wealth Management geprägt“, ergänzt Dunnett. „Die Schweiz ist noch relativ konservativ.“ Die Unternehmen würden sich damit selbst um die besten Kandidaten bringen. „Das stellt einen klaren Wettbewerbsnachteil dar“, warnt Dunnett.

Selbst interessierte Kandidaten springen ab

„Wir hatten schon mehrfach die Situation, dass Kandidaten abgesprungen sind und ein anderes Angebot angenommen haben, obwohl beim Kandidaten eigentlich eine Präferenz für die Stelle bestand“, erzählt Kessler. Bei einem Angebot würden Arbeitgeber den Kandidaten regelmäßig eine Bedenkzeit einräumen. Diese könnten sie Kandidaten nicht endlos ausdehnen und müssten sich entscheiden.

Großes Reputationsrisiko für Arbeitgeber

Für die langen Fristen machte Kessler die komplizierten Prozesse verantwortlich. „Ich kenne Kandidaten, die sich bei einer größeren Bank beworben haben und nie wieder etwas von ihrer Bewerbung gehört haben“, berichtet der Headhunter. „So etwas stellt für eine Bank schon ein Reputationsrisiko dar.“

„Hinzu kommt, dass ein langer Interviewprozess bei Kandidaten auch einen schlechten Eindruck hinterlässt“, sagt Dunnett weiter. Die Reputation der Arbeitgeber leide darunter. „Die Kandidaten fragen sich, was da sonst noch alles schlecht läuft, wenn es schon beim Bewerbungsprozess nicht vorangeht.“ Dies wiege umso schwerer, als Banken und Finanzdienstleister seit der Krise ohnehin in der Gunst der Kandidaten gesunken seien.

Dies scheint aber vor allem bei raren Profilen wie in Compliance, IT oder Consulting der Fall zu sein. Dagegen würden die Kandidaten im Wealth und Asset Management auch bei tendenziell längeren Prozessen selten abspringen. „Wir haben halt schon seit einigen Jahren einen Arbeitgebermarkt“, kommentiert Guggenbühl.

Kandidaten können durchaus erstes Angebot annehmen

Betroffenen Finanzprofis rät Dunnett nicht abzuwarten, bis sich sämtliche Unternehmen, bei denen sie sich beworben haben, zu einem Angebot durchringen. „Man sollte sicher nicht gleich das erstbeste Stellenangebot annehmen“, sagt Dunnett. „Wenn aber das Gehaltspaket und alles andere stimmen, dann macht es selten Sinn abzuwarten, ob nicht später noch ein besseres Angebot eintrifft.“ In einem solchen Fall sei es vollkommen in Ordnung, das erste Angebot anzunehmen, auch wenn kein anderes Angebot zum Vergleich vorliege.

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