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INTERVIEW mit Roland Berger-Partner: Wie müssen Banken auf den Brexit reagieren? 

Brexit

Die Folgen des Brexits sind noch unabsehbar. (Foto: Getty Images)

Markus Strietzel ist Partner im Competence Center Financial Services bei Roland Berger. Nach einem BWL-Studium in Münster und einer Promotion an der European Business School in Oestrich-Winkel hat er 1998 bei der Strategieberatung angefangen. Im Interview erläutert Strietzel, wie sich Banken nach dem Brexit neu aufstellen müssen, welche Auswirkungen dies auf die Beschäftigung hat und was er Studenten für die Karriere rät.

Vor welchen strategischen Herausforderungen stehen die Banken nach dem Brexit und was bedeutet dies für die Beschäftigten?

Ich glaube schon, dass es eine Verlagerung von Jobs nach Frankfurt, aber auch zu anderen Destinationen geben wird – nach Paris, Luxemburg oder Amsterdam. Dublin hat den großen Vorteil, dass dort Englisch gesprochen wird und die Steuern niedriger ausfallen.

Ich denke, Banken sollten auch für ihre englischen Mitarbeiter ein Signal setzen und ihnen Perspektiven an anderen Standorten eröffnen. Teilweise versuchen ja schon die Regierungen wie in Frankreich englische Banker mit Steuervergünstigungen anzulocken – was für die sozialistische Hollande-Regierung erstaunlich ist. Auch der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier hat zu einem Roundtable mit Vertretern von Banken eingeladen. Ich denke, dass hier von politischer Seite mehr Bewegung hineinkommen wird.

Weiter stellt sich die Frage: Was will das individuelle Haus? Wie groß sind die Aktivitäten in England, wie viele Mitarbeiter sind dort beschäftigt und wo will man die Geschäfte ansiedeln? Dazu ist eine individuelle Betrachtung erforderlich und die Strategien müssen gesondert angepasst werden.

Heute wird vieles im europäischen Investment Banking von London aus betrieben. Selbst die Deutsche Bank hat ihr Investment Banking nicht in Frankfurt, sondern in London angesiedelt. Noch deutlicher fällt es bei den US-Banken aus. Goldman Sachs beschäftigt in Großbritannien rund 5500 und in Deutschland 200 bis 250 Mitarbeiter. Wie werden die US-Banken auf den Brexit reagieren?

Derzeit herrscht noch viel Spekulation. Es ist unklar, was der Brexit überhaupt in der konkreten Ausgestaltung bedeutet. Alle sind irrsinnig nervös, aber letztendlich weiß keiner, was auf ihn zukommt.

Wenn ich  z.B. einige amerikanische Banken betrachte: Sie haben natürlich ein Interesse daran, mittelfristig einen Zugang zum EU-Markt zu bekommen. Wie sie sich genau aufstellen, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Allerdings glaube ich nicht, dass das mit ein paar Leuten in Frankfurt weiterhin funktionieren wird. Das dürfte von der EU als Feigenblatt interpretiert werden.

Wichtig ist natürlich die Frage der Zulassung: Wenn US-Banken mit einem EU-Hauptsitz in London zugelassen sind, dann muss man sich ein rechtliches Konstrukt für Kontinentaleuropa ausdenken. Das wird darauf hinauslaufen, dass sie gewisse Kapazitäten in der jeweiligen Regulierungszone vorhalten werden müssen.

Reicht für die Zulassung eine Banklizenz aus? Erstaunlicherweise besitzen nach unseren Recherchen bereits fast alle relevanten US-Banken eine Banklizenz in Deutschland.

In der ersten Konsequenz dürfte es reichen, wenn man diese Banklizenz besitzt. Da es sich um rechtlich getrennte Einheiten handelt, müssen sie konzernintern bestimme Agreements schaffen, wer für Front und Back Office zuständig ist. Meiner Einschätzung nach ist das in seiner Komplexität recht aufwändig. Da geht es zudem um Fragen wie: Wer für wen innerhalb des Konzern Dienstleistungen erbringt und wieweit das mehrwertsteuerpflichtig ist. Es spielen also auch steuerliche Aspekte hinein. All das dürfte mittelfristig dazu führen, dass die Kapazitäten dorthin verlagert werden, wo sie anfallen.

Das würde also auf mehr Middle und Back Office-Jobs in Frankfurt oder an anderen EU-Standorten hinauslaufen?

Das sehe ich schon so. Wenn Sie alles über den Kanal schicken und intern verrechnen, dann haben Sie mit Komplexität und Steuerfragen zu kämpfen. Und drittens fällt die Zusammenarbeit an einem einzigen Standort in der Regel leichter. All das dürfte dazu führen, dass dann in Frankfurt mehr Kapazitäten vorgehalten werden.

Komplexität scheint mir derzeit bei Banken ein ganz heißes Thema zu sein, da dies einfach Kosten verursacht und in Zeiten schwacher Erträge schaut natürlich jeder auf die Kosten.

Man wird sich sicher überlegen, wie man das möglichst kosteneffizient gestaltet. Entscheidend wird aber sein, wie sieht der Fahrplan für den Brexit aus? Den kennt derzeit niemand. Die neue Regierung in London muss sich erst noch sortieren. Anschließend lautet die Frage: Wann reicht man die Austrittserklärung bei der EU-Kommission ein und erst dann stehen die Verhandlungen an. Nachdem, was man bislang von der neuen Regierung lesen konnte, wird die neue Regierungschefin das relativ schnell umsetzen. Zwischenzeitlich hatte man den Eindruck, dass die Briten den Fuß vom Gaspedal nehmen. Vielleicht wird man vor Jahresende zumindest einen Fahrplan haben.

Es ist etwas anderes, Verhandlungen aufzunehmen und sie abzuschließen. Ich denke, dass die zwei Jahre, die im Lissabon-Vertrag vorgesehen sind, recht optimistisch bemessen sind. Ich schätze die Verhandlungen als extrem schwierig und kompliziert ein, was die Verhandlungen in die Länge ziehen dürfte.

Endlose Verhandlungen sind wahrscheinlich das Schlimmste, was passieren kann. Unsicherheit belastet Märkte, Unternehmen und letztlich auch die Mitarbeiter. Alle Beteiligten sollte daran gelegen sein, das relativ schnell über die Bühne zu bekommen.

Die Finanzdienstleistungen haben innerhalb der EU-Verträge einen speziellen Status. Ein freier Zugang zu den Gütermärkten schließt nicht unbedingt einen freien Zugang zu den Finanzdienstleistungsmärkten ein. Bestes Beispiel hierfür stellt die Schweiz dar, die zwar freien Zugang zu den Gütermärkten, aber nicht zu den Finanzdienstleistungsmärkten der EU hat. Hinzu kommt noch die gesamte Regulierungsproblematik. Zwingt dies nicht Banken zu einer verstärkten Verlagerung in die restliche EU?

So mancher rechnet schon vor, wie viele neue Jobs das in Frankfurt bringt. Ich glaube jedoch, dass auch hier nicht alles so heiß gegessen wie es gekocht wird. Es wird sicherlich Verschiebungen nach Frankfurt und anderswo geben. Wie hoch diese ausfallen, muss vorerst offen bleiben. Die Politik sollte dabei allerdings frühzeitig Zeichen setzen.

Im Gespräch sind Standorte wie Frankfurt, Dublin oder Paris. Worin sehen Sie die Vor- und Nachteile der einzelnen Standorte?

Für Frankfurt spricht die Nähe zur EZB, die Infrastruktur und es ist auch leicht erreichbar. Frankfurt kann auf viele Ressourcen zurückgreifen, die einfach schon da sind und die man umwidmen kann. Dazu zählen etwa Abbauprogramme in anderen Banken. Gegen Frankfurt bzw. für Dublin spricht die englische Sprache. Dublin war schon immer ‚Anker Point‘ für US-amerikanische Unternehmen in Europa. Auch die Steuerthematik spricht für die irische Hauptstadt. Dublin ist allerdings schwerer zu erreichen als Frankfurt, was gegen die Ansiedlung von Vertriebsmannschaften spricht. Paris wiederum hat den Vorteil, dass alles in Frankreich sehr zentralistisch ist. Die Börse Euronext ist in Paris angesiedelt mit Dependancen in vielen EU-Ländern. In Summe stehen die Chancen für Frankfurt aber nicht so schlecht.

Da sind teilweise recht hohe Zahlen im Umlauf. Es gibt doch überhaupt nicht die Leute, um zehntausende neuer Stellen zu besetzen.

Viele Banken in Frankfurt  planen einen erheblichen Personalabbau. Nur die Leute, die dort abgebaut werden, sind nicht unbedingt die, die gebraucht werden.

Vielleicht werden aber auch einige Arbeitnehmer von London nach Frankfurt umziehen. Schließlich besitzt mehr als die Hälfte der Beschäftigten in der Londoner City keinen britischen Pass – einen Großteil davon aber einen anderen EU-Pass.

Das wiederum könnte für die englische Wirtschaft zum Problem werden. Denn dann stellt sich die Frage nach der Arbeitserlaubnis.

Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass die Briten darauf aus sind, ausgerechnet Banker aus London zu vertreiben. Immerhin zahlen sie beträchtliche Steuern.

Noch, aber wenn sie keine Jobs mehr haben, dann zahlen sie auch keine Steuern mehr. Ein arbeitsloser Banker aus  einem anderen EU-Land in London wird sich sicherlich genau überlegen, ob er nicht zu einem Umzug z.B. nach Frankfurt bereit ist.

Noch einmal konkret. In vielen Bereichen findet der Handel zentral in London statt, dazu gehören der Devisenhandel mit dem Euro und der Handel mit Finanzprodukten, die auf Euro lauten. Nach einem Brexit hat das doch eigentliche keine Zukunft mehr in London?

Das lässt sich langfristig sicherlich nicht in London aufrechterhalten.

Macht es nicht Sinn diesen Handel an einem Ort wie etwa Frankfurt zu zentralisieren?

Das ist im Zeitalter des Internets und der modernen Kommunikation m.E. egal, ob Marktteilnehmer in Frankfurt, Paris oder Dublin angesiedelt sind. Viel wichtiger ist, welche IT-Strategien stehen dahinter, wie sehen die Rechnerkapazitäten aus und wo will ich das versteuern. Da spielen sehr, sehr viele Komponenten eine Rolle, was auch Teil des Problems ist. Ohne zu wissen, was aus dem Brexit genau herauskommt, lassen sich Handlungsanweisungen nur schwer ableiten.

Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass die Banken das Ergebnis der Verhandlungen abwarten werden. Dabei haben es europäische Banken relativ leicht weil z.B. Deutsche Bank und BNP Paribas schon über beträchtliche Infrastrukturen in Frankfurt bzw. Paris verfügen. Richtig spannend dürfte werden, was die US-Banken unternehmen.

Die werden nicht abwarten, zu welchem Ergebnis die Politik gelangt. Die werden sicherlich ihre Kapazitäten in Kontinentaleuropa nach oben fahren.

Abschließend noch eine ganz andere Frage, wir sind ja eine Karrierewebsite: Was würden Sie Studenten raten, die ihre berufliche Zukunft in der Strategieberatung sehen. Worauf legen Sie neben den Klassikern – sehr gute Noten, Praktika, Auslandsaufenthalte und gutes Englisch – besonderen Wert?

Ich stoße immer wieder auf Studenten, die haben gute Noten, Auslandspraktika und außeruniversitäre Beschäftigungen gesammelt; auf dem Papier sieht alles erstklassig aus. Sie erzählen mir: Ich will unbedingt Berater werden. Wenn man sie aber fragt, warum und das genauer beleuchtet und durchleuchtet, dann bemerkt man rasch, dass die eigentliche Intention darin besteht, viel Geld zu verdienen. Das ist mir für eine Karriere zu wenig.

Das klingt zwar abstrakt, aber es handelt sich um einen wichtigen Punkt. Viele machen einfach irgendetwas, um Karriere zu machen. Es ist erstaunlich: Es gibt sehr, sehr viele, die das tatsächlich so machen. Das fängt oft schon bei der Wahl des Studiums an. Wenn man fragt, wieso sie z.B. BWL studieren, dann bekommt man Antworten wie: Weil meine Eltern das so wollten. Da ist häufig keine Eigeninitiative dahinter.

Es kann nicht nur ums Geld gehen. Wir müssen für unser Geld auch viel arbeiten. Im Beruf kommt dann oft das große Erwachen. Viele Leute gehen mit dieser Frage viel zu leichtfertig um.

Sind Leute, die viel arbeiten und von ihrer Arbeit überzeugt sind, weniger anfällig für Burnout?

Ja, weil Sie dann nicht aus dem Druck heraus arbeiten, etwas machen zu müssen, sondern weil sie es selbst wollen. Das ist eine ganz andere Ausgangssituation.

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