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KOMMENTAR zum Brexit: Wird Frankfurt die neue City?

Brexit

Frankfurt könnte vom Brexit profitieren.

Kurz nach der Eröffnung der Märkte ist klar: Die Aussage des Brexits-Lagers, wonach Wirtschaft und Währung von einem EU-Austritt profitieren, erweist sich als umzutreffend. Das Pfund stürzte gegenüber dem Dollar um 12 Prozent auf 1,32 USD und gegenüber der Gemeinschaftswährung um 7 Prozent auf 1,22 Euro ab. Der FTSE 100 brach unterdessen um 9 Prozent auf 5789 Punkte ein.

Dabei hat Großbritannien viele Jahrzehnte massiv vom Gemeinschaftsmarkt profitiert. Sämtliche US-amerikanischen und die meisten asiatischen Banken haben ihre Europazentralen in London aufgeschlagen – neben diversen Unternehmen aus anderen Branchen.

UK muss alle Handelsverträge auch mit Drittstaaten neu aushandeln

Doch nach dem Einreichen der Austrittserklärung gemäß Paragraph 50 des Lissabonvertrages scheidet Großbritannien nach einer Übergangsfrist von zwei Jahren aus der EU aus. Damit sind auch sämtliche Handelsverträge mit der Rest-EU und dutzenden von Drittstaaten rund um den Globus obsolet. Die neue britische Regierung muss also in dieser Frist mit etwa etwa 58 Ländern neue Handelsverträge schließen – darunter sämtliche großen Handelspartner. Eine Mission Impossible.

Die Finanzdienstleistungen sind von dieser Entwicklung überproportional betroffen. Denn Handelsverträge sehen üblicherweise nur den freien Warenverkehr und im Rahmen der EU-Verträge die Personenfreizügigkeit vor, nicht jedoch den freien Dienstleistungsverkehr. Dass die britische Wirtschaft nach einer konsequenten Deindustrialisierung von diesen Branchen abhängig ist, erschwert die Angelegenheit weiter. Am schlimmsten ist jedoch, dass Finanzdienstleistungen einer höchst komplizierten Regulierung unterliegen. Nach einem EU-Austritt droht die Londoner City also konsequent von ihrem Hauptmarkt abgeschnitten zu werden.

Dabei schien den Siegeszug der City in Europa in den zurückliegenden Jahrzehnten nichts stoppen zu können. Die deutsche Bankenlandschaft befand sich im Vergleich zur britischen in ähnlicher Verfassung wie die britische zur deutschen Autoindustrie – sie war hoffnungslos abgehängt. Diese Selbstverständlichkeit hat sich mit dem gestrigen Referendum erledigt.

US-Banken suchen schon neuen Büroraum in Frankfurt

Schon im Vorfeld des Referendums haben sich US- und Schweizer Banken in Frankfurt nach neuem Büroraum umgesehen. Tatsächlich stellen gerade die Banken aus Amerika, Asien und übrigens auch der Schweiz einen wichtigen Gradmesser für die Hackordnung der Finanzplätze dar. Denn anders als die Deutsche Bank verfügen die wenigsten dieser Institute über Bankenlizenzen in London UND der Rest-EU. Von daher werden sicherlich viele internationale Banken Aktivitäten von London in die Rest-EU verlagern müssen – ob sie wollen oder nicht. Das Abwarten auf neue Handelsverträge stellt schon aus Zeitgründen keine Option dar. Hauptdestinationen dürften dabei Frankfurt, Dublin oder Luxemburg sein.

Nun ist es an der deutschen Politik die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass die Umzugswagen Frankfurt ansteuern. In der Vergangenheit haben deutsche Politiker indes wenig Verständnis für die Branche aufgebracht. Selbst angebliche Finanz-Experten der Parteien können nicht Retail Banking von Investment Banking, Hedgefonds von Private Equity-Fonds unterscheiden. Ob Frankfurt diese einmalige Chance ergreifen kann, bleibt somit zweifelhaft.

Und dabei geht es nicht nur die Jobs von Bankern. Ohne die überragende Bedeutung der City dürfte Großbritannien seit Jahrzehnten kaum genügend Kapitalimporte angelockt haben, um die horrenden Handelsbilanzdefizite auszugleichen. Allein im vergangenen Jahr lag das Minus bei 165 Mrd. Dollar. Auch wenn die Brexit-Anhänger schon vom neuen britischen Tiger sprechen, handelt es sich ökonomisch in Wahrheit doch wohl eher um ein Schmusekätzchen.


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