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Was Frankfurt blüht, wenn der Brexit wahr wird

Brexit

Befürworter und Gegner eines Brexits liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Nach einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov wollen 45 Prozent der britischen Wähler für einen Austritt aus der Gemeinschaft stimmen und nur noch 42 Prozent für den Verbleib. Letzte Gewissheit wird wohl erst das Referendum am 23. Juni bringen. Doch welche Auswirkungen würde der Selbstausschluss des größten europäischen Finanzzentrums von seinen Märkten für Frankfurt bedeuten?

10.000 bis 20.000 Jobs für Frankfurt, Paris, Dublin und Luxemburg

„Im Falle eines Brexits würden mindestens 10.000 bis 20.000 Stellen von Großbritannien in die Eurozone verlagert“, schätzt Martin Hellmich, Professor für Financial Risk Management an der Frankfurt School of Finance & Management. „Und das ist noch eine konservative Schätzung.“ Allerdings würde davon nur ein Teil in Frankfurt oder anderswo in Deutschland neu entstehen. Auch Paris, Dublin und Luxemburg würden profitieren.

Laut Hellmich seien viele Auslandsbanken in Deutschland nur mit einer Niederlassung vertreten und besäßen keine deutsche Banklizenz. „Wenn eine Bank eine Lizenz in Großbritannien hat, dann kann sie ihre Produkte in der ganzen EU verkaufen“, erläutert Hellmich. In diesem Fall sei die britische Finanzaufsicht für die jeweilige Bank zuständig. Nach einem Brexit müssten sich sämtliche Banken, die ihr Europageschäft mit einer britischen Banklizenz betreiben, eine Lizenz in einem der verbleibenden EU-Länder besorgen. „Um diese Lizenz zu erhalten, müssten sie eine ganze Reihe an Personal z.B. für Risikomanagement und Compliance einstellen“, erläutert Hellmich. „Die Fondsindustrie steht übrigens vor einer ganz ähnlichen Problematik“, ergänzt der Professor. Dies würde auf einen Stellensegen in Middle und Back Office hinauslaufen.

Tatsächlich arbeiten z.B. die US-Banken in Frankfurt mit einer dünnen Personaldecke. Die Beschäftigung reicht von 200 bis 250 bei Goldman Sachs bis zu etwa 420 bei JP Morgan. Insgesamt dürften die US-Banken in Mainhattan kaum mehr als 1500 Mitarbeiter zählen.

Londoner Banken könnten Brexit als Vorwand für Nearshoring nutzen

Auch Bankenanalyst Neil Smith vom Bankhaus Lampe in Düsseldorf erwartet, dass in der Folge eines Brexits eine Reihe von Aktivitäten von Großbritannien in die Eurozone wandern. Bleibt allerdings die Frage, ob die Front Office-Zentren Frankfurt und Paris oder doch die einschlägigen Middle und Back Office-Zentren in Luxemburg und Dublin von einem solchen Auszug besonders profitieren würden. „Es stellt schon einen Vorteil dar, nahe bei der Europäischen Zentralbank (EZB) angesiedelt zu sein“, erläutert Smith. Die aktuellen Regulierungsvorgaben ließen sich auch anderswo umsetzen, allerdings helfe die Nähe zur EZB dabei, bevorstehende Regulierungsvorhaben frühzeitig zu antizipieren. In Zeiten, in denen die Banken ihre Geschäftsmodelle um die Regulierung herum stricken, stellt dies keine Kleinigkeit dar.

Smith hält es auch für möglich, dass die Banken den Brexit als Gelegenheit und Vorwand nutzen, um Middle und Back Office-Stellen vom teuren London an günstigere Standorte in der EU zu verlegen. Schon seit Längerem würden Banken in der britische Hauptstadt Stellen streichen und z.B. in Leeds wiederauferstehen lassen. „Diese Stellen müssen aber nicht unbedingt in Frankfurt angesiedelt werden, sie können auch in Berlin oder anderswo aufgebaut werden.“ Dagegen hält Smith den Umzug ganzer Handelssäle von der Themse an den Main für eher unwahrscheinlich.

Volkswirtschaftliche Nachteile können Vorteile für Finanzplatz aufwiegen

Unterdessen warnt Ferdinand Mager, Professor für Bank- und Finanzmanagement an der EBS Universität für Wirtschaft und Recht die Frankfurter vor zu viel Euphorie. So könnten die volkswirtschaftlichen Nachteile eines Brexits die Vorteile für den Finanzplatz Frankfurt möglicherweise sogar aufwiegen.

Überdies würde die britische Regierung bei der anschließenden Aushandlung neuer Handelsverträge sicherlich für ihren Finanzplatz kämpfen. „Dagegen wird sich die Bundesregierung eher für die deutsche Industrie einsetzen als für ein paar tausend Jobs in Frankfurt“, gibt Mager zu bedenken. „Relativ würde Frankfurt gegenüber London gewinnen, ob das aber zu absolut mehr Stellen am Finanzplatz Frankfurt führt, das steht in den Sternen.“


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