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Sam Wisnia: Der Mann, der die Deutsche Bank in ein zweites Goldman Sachs verwandeln will

Deutsche Bank

Die Deutsche Bank hat einen schwierigen Tag hinter sich. Zum zweiten Mal in diesem Jahr hat Moody’s gestern das Rating des deutschen Branchenprimus abgesenkt. Damit sind die Anleihen der Bank mit A3 nur noch zwei Stufen vom sogenannten Ramschniveau entfernt. Kein gutes Zeichen für die ehemals stolze Bank. Vor allem die Mitarbeiter aus dem Fixed Income-Geschäft sollten hoffen, dass sich die Entwicklung nicht fortsetzt. Denn das Geschäft mit festverzinslichen Wertpapieren beansprucht besonders viel Eigenkapital. Eine eigentümliche Rolle in dem Geschäftszweig spielt Sam Wisnia, der Quant, der aus der Deutschen Bank ein zweites Goldman Sachs machen will.

Leider stand Wisnia selbst für diesen Artikel nicht zur Verfügung und auch die Deutsche Bank wollte keine Stellungnahme abgeben. Stattdessen haben wir mit seinen ehemaligen Kollegen bei der Deutschen Bank und von früher gesprochen. Demnach hat Wisnia die Risikomanagements- und Kursfindungs-Systeme nach dem Vorbild Goldman Sachs‘ umgestaltet, wo er immerhin 14 Jahre lang beschäftigt war. Die gute Nachricht lautet: Wisnia stellt immer noch ein; die schlechte: die Arbeit für ihn stellt keinen Zuckerschlecken dar. Überdies stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, die überkommene Strategie von Goldman Sachs genau zu dem Zeitpunkt zu übernehmen, wenn der US-Rivale selbst sein Modell an die neuen Marktgegebenheiten anpasst.

Hoher IQ, niedriger EQ

Mit seiner Körpergröße von etwa 1,70 Meter, seinem ungewöhnlichen Ohrenhaaren („Es ist fünf Zentimeter lang und er weigert sich, es abschneiden, weil es ihm Glück bringt“, sagt ein Kollege) und seiner ständig um seinen Nacken gewickelte Krawatte macht er im Handelssaal der Deutschen Bank eine eher ungewöhnliche Figur. Doch seine kleine Statur reflektiert keinesfalls seinen Status innerhalb der Deutschen Bank. Wisnia glänzt gleich mit drei Jobtiteln: Er ist „Head of fixed income and currencies structuring“ und „Head of strategy analytics for the whole of the corporate banking and securities business“ sowie „Head of rates”. Keine Frage, Wisnia ist der Mann der Stunde.

„Wisnia wurde von Ram Nayak und Colin Fan an Bord geholt, um die Probleme mit den Risiko- und Kursfindungssystemen zu lösen”, erzählt ein Insider, der anonym bleiben möchte. „Unter Anshu Jain herrschte bei der Deutschen Bank so etwas wie eine Start-up-Mentalität“, ergänzt er. „Ihnen ging es um Erträge und Wachstum und sie hatten ein Kurfindungssystem für jeden einzelnen Desk. Nayak und Fan erkannten, dass sich das ändern musste.“

Doch wer ist Wisnia überhaupt? Der brillante Quant hat 1998 die renommierte französische École Polytechnique in der Nähe von Paris gemeinsam mit Yann Samuelides abgeschlossen, der bis zum Jahresbeginn das Fixed Income-Trading bei Goldman Sachs leitete. Nach der Uni heuerte Wisnia erst bei der französischen Großbank BNP Paribas an, bevor er einige Jahre später zu Goldman Sachs wechselte, wo er es zum „Global co-head of strategy“ brachte.

„Wisnia ist immer brillant – und exzentrisch – gewesen“, erzählt einer seiner ehemaligen Kollegen. „Als er noch an der Uni war, ging Sam zu seinem Tutor und erzählte diesem, dass er nur noch drei Stunden die Nacht schlafe, um sich auf einen Bankenjob vorzubereiten. Als er Analyst bei Paribas war, hat er während einer Präsentation auf einen Fehler im Kursfindungssystem hingewiesen. Wir sprechen über Paribas, die die besten Quants der Welt beschäftigt, und er war der jüngste Mitarbeiter im Raum.“

Auch bei Goldman Sachs soll er für Verärgerung gesorgt und sich bei der Deutschen Bank Feinde gemacht haben, wo seine Herrschaft von verschiedenen Abgängen überschattet gewesen ist. Dazu gehören angeblich: Chris Guth (Co-head European rates bei der Deutschen Bank), Richard Jackson (Head of European flow rates trading) und Chris Yoshida (Head of rates sales). Darüber hinaus hat Tom Hartnett die Bank verlassen, wie aus seiner Registrierung bei der US-Aufsicht Finra hervorgeht. Hartnett war Co-head of global rates. „Wisnia ist ein brillanter und faszinierender Charakter, aber ein schlechter Manager“, erzählt ein früherer Kollege. „Er sieht alles nur in Schwarz und Weiß und bringt keinen Sinn für Grautöne mit. In einem Management-Meeting sagte er einer Führungskraft, dass sie ein Esel sei und setzte dann noch eins darauf: „Sie einen Esel zu nennen, stellt eine Beleidigung für den Esel dar.“ Andere beschreiben Wisnia als „unglaublich hell und talentiert, aber ebenso unglaublich arrogant – ohne jede emotionale Intelligenz.“

Aufgrund seiner Grobheit soll Wisnia sogar Probleme mit einem der größten Kunden der Deutschen Bank heraufbeschworen haben. Laut Insidern soll es sich Wisnia im vergangenen Jahr mit einem großen Macro Hedgefonds verdorben haben, der daraufhin für einige Zeit seine Geschäfte mit der Deutschen Bank unterbrach.

Kopiert die Deutsche Bank ein Modell von Goldman Sachs, das seine besten Tage hinter sich hat?

Für Wisnias Kritiker stellt der kundenbezogene Ansatz, wie ihn der neue Deutsche Bank-Chef John Cryan mit der Strategie 2020 verfolgt, ein besonderes Problem dar. Demnach dreht sich bei seinen Risiko- und Kursfindungssystemen alles um die einzelnen Trades und weniger um die Kunden. „Wisnias Weg besteht darin, den Tradern mehr Macht zu geben“, argumentiert ein Beobachter. „Damit hat sich der Akzent von Sales weg verlagert. Bei seiner Strategie geht es darum, welche Trades für das System rentabel sind, und nicht darum, was Kunden auf lange Sicht benötigen.“ Gleichzeitig spricht einiges dafür, dass sich Goldman Sachs in die entgegengesetzte Richtung entwickelt.

Doch vorerst scheint Wisnia etwas richtig zu machen. Unter seiner Leitung haben sich im vergangenen Jahr die Erträge im europäischen Rates-Geschäft auf 920 Mio. Euro verdoppelt. Anders als die meisten anderen europäischen Banken scheinen sich die Investitionen in Risikomanagement und Kursfindung bei der Aufholjagd zu den US-Banken auszuzahlen. Wisnia verfügt anscheinend auch über das Budget, um einige gute Leute einzustellen. Dazu zählt beispielsweise der ehemalige Goldman Sachs-Strategieexperte Richard Averill.

Wisnia muss hoffen, dass seine Glückssträhne weitergeht. Doch vorerst sieht es nicht danach aus. So heißt es von der Deutschen Bank, dass die Erträge aus dem Rates-Geschäft im ersten Quartal „deutlich niedriger“ ausfielen als im Vorjahr. Da laut den Daten von Coalition das Rates-Geschäft mit den zehn größten Volkswirtschaften um durchschnittlich 8 Prozent nachgegeben hat, scheint die Deutsche Bank Marktanteile abzugeben.

Unterdessen fallen die Kosten für das Geschäftsmodell erklecklich aus. Das „Trading-Stats“-Geschäft von Goldman Sachs verschlang angeblich in der Vergangenheit Kosten in Höhe von etwa 150 Mio. Euro. Und eben dies versucht Wisnia bei der Deutschen Bank zu kopieren. Solange die Erträge die Kosten rechtfertigen, ist alles in Ordnung. Allerdings sind die Erträge im gesamten Fixed Income-Geschäft im ersten Quartal um 30 Prozent eingebrochen. Keine guten Aussichten.

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