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GASTBEITRAG: Wen Goldman Sachs einstellt

Auf der Suche nach ungewöhnlichen Kandidaten. Goldman-Chef Lloyd Blankfein.

Auf der Suche nach ungewöhnlichen Kandidaten. Goldman-Chef Lloyd Blankfein.

Falls Sie sich bei Goldman Sachs bewerben wollen, dann erwarten Sie vermutlich eine regelrechte Bewerbungsschlacht. Wahrscheinlich haben Sie die Geschichten gelesen, wonach die Bank lediglich 4 Prozent der Kandidaten akzeptiert. Womöglich haben Sie auch die Profile der brillanten Studenten gelesen, die eine lange Liste an Praktika vorweisen können. Sie gehen sicherlich auch davon aus, dass Sie exzellente mathematische Kenntnisse und ein Interesse fürs Investmentbanking seit Ihrem Studienbeginn mitbringen müssen.

Nun ja, ich habe als Recruiter bei Goldman Sachs gearbeitet und Sie liegen falsch. Jeder will, was er eben nicht haben kann und dabei stellt Goldman Sachs keine Ausnahme dar. Die exzellenten Absolventen mit einem erstklassigen Studienabschluss in Wirtschaftswissenschaften und zehn Praktika stellen nicht das Ideal dar. Als ich noch bei Goldman Sachs arbeitete, waren wir sogar gegen die Einstellung solcher Leute, die wir als „Plug and Play“-Kandidaten bezeichneten. Sie verfügen zwar über den erforderlichen Track Record, aber sie sind nicht aufregend.

Goldman Sachs bevorzugt indes Leute mit ungewöhnlichen Profilen. Auf ihnen liegt der Akzent. Es dreht sich alles darum, eine vielfältige Gruppe von Bewerbern anzuziehen, die Geschichte oder Englisch und nicht nur Finance studiert haben. Seit der Finanzkrise fällt dies schwerer, was besonders für Goldman Sachs zu gelten scheint, da das Unternehmen in der breiten Öffentlichkeit ein Imageproblem hat. Daher ist es heute doppelt so schwer Leute anzuziehen.

Dies stellt auch den Grund dar, wieso Goldman Sachs große Diversity-Initiativen ins Leben gerufen hat. Daher handelt es sich bei Goldman Sachs so ziemlich um die einzige Bank, die keine numerischen Tests verlangt. Stattdessen findet im Recruitmentprozess der Bank ein Vorstellungsgespräch nach dem anderen statt. Es wird großer Wert auf Charakter und eine interessante Persönlichkeit gelegt, mit der sie zusammenarbeiten möchten.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass Sie auch mit mittelmäßigen Abschlüssen eine Chance bekommen. Sie benötigen Top-Ergebnisse – allerdings handelt es sich nicht um das einzige, worauf Wert gelegt wird. Bei Goldman Sachs wird tatsächlich jede einzelne Bewerbung von einem menschlichen Wesen gelesen. Ich weiß, wovon ich spreche, weil ich mich selbst Tag für Tag durch tausende von Lebensläufen durchgearbeitet habe. Anschließend habe ich die vielversprechendsten an meine Kollegen für einen zweiten Check weitergegeben. Dabei haben wir uns nicht allein die Qualifikationen angesehen, sondern auch das Anschreiben sorgfältig durchgelesen – eben die rund 300 Wörter, wieso der Bewerber für Goldman Sachs arbeiten will. Es gab Studenten, die exzellent erschienen, bis wir zum Anschreiben gelangt sind, Studenten, die das gleiche Schreiben an zehn verschiedene Banken senden und nicht detailliert begründen, wieso sie für Goldman Sachs arbeiten wollen.

Doch worauf haben wir in den Anschreiben geachtet? Wir achteten auf Kreativität und Anstrengung, wenn über Goldman Sachs geschrieben wurde. Dabei gab es auch sonderbare Einsendungen wie z.B. Gedichte und ähnliches. Ein Student der englischen Literatur aus Cambridge verfasste ein brillantes und ungewöhnliches Motivationsschreiben und wir luden ihn zum Vorstellungsgespräch ein. Weil wir dachten, dass er womöglich einige brillante und innovative Ideen besitzt.

Aber es geht nicht nur um ein wenig Verrücktheit. Im Grunde will Goldman Sachs Leute einstellen, die ehrgeizig sind. Sie müssen sympathisch und wirklich ehrgeizig sein. Dies stellt auch den Grund dafür dar, wieso Goldman Sachs so viele Wettkampfsportler einstellt. Wir hatten schon alles: Vom olympischen Schwimmer bis zu halbprofessionellen Tennisspieler. Sie müssen sich nicht von Kindesbeinen an für Finanzen interessieren, aber Sie müssen in irgendeinem Bereich Ihren Ehrgeiz bereits bewiesen haben.

Bei Lawrence Brown handelt es sich um ein Pseudonym. Er hat als Recruiter für das Wertpapiergeschäft von Goldman Sachs gearbeitet.

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