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GASTBEITRAG: Wie mich mein Bankingjob dreimal ins Krankenhaus brachte

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Vor zwei Jahren habe ich dem Investmentbanking den Rücken gekehrt. Doch ich wusste schon lange vorher, dass die Zeit zu gehen gekommen war. Zwar liebte ich den Nervenkitzel eines Deals, aber der erbarmungslose Stress hat mich zermürbt. Ich hätte eigentlich früher merken müssen, dass etwas gründlich schief lief, bevor ich zum dritten Mal in die Notaufnahme eingeliefert wurde.

Beim ersten Fall handelte es sich um eine Migräne, die an meinen Kräften zehrte und dazu führte, dass ich in einem Taxi in einer Fötuslage endete – der pure Stress. Das zweite Mal passierte mir nach zwei durchgearbeiteten Nächten, als meine gesamte linke Seite taub wurde. Diesmal handelte es sich um Erschöpfung. Glücklicherweise wäre ich um das dritte Mal beinahe herumgekommen. Ich wachte auf, nachdem ich das Bewusstsein verloren und mir meinen Kopf gestoßen hatte. Es war 3 Uhr nachts, weshalb niemand in der Nähe war. Ich krabbelte zu meinem Schreibtisch, um noch die letzte E-Mail abzusenden. Zu Stress und Erschöpfung gesellte sich jetzt auch noch Dummheit.

Doch wieso habe ich nicht bereits nach meiner ersten Einlieferung in die Notaufnahme die Notbremse gezogen? Sicherlich, die Bezahlung war fantastisch und mehr als ich für ein komfortables Leben benötigte. Allerdings fand ich kaum die Freizeit, um das Geld auch zu genießen. Seinerzeit begannen viele meiner Freunde Familien zu gründen, während meine Zimmerpflanzen an Vernachlässigung zugrunde gingen.

Es handelte sich um keine leichte Entscheidung. Auch nachdem sich in mir die Erkenntnis gefestigt hatte, dass ich gehen musste, brauchte ich weitere zwei Jahre und einige Anläufe, bevor ich tatsächlich meinen Schreibtisch räumte und meine zehnjährige Karriere im Banking aufgab.

Eine zweijährige Wartezeit mag mich als entscheidungsschwach erscheinen lassen. Aber zu gehen, kann extrem schwierig werden. Nachdem man jahrelang einen bestimmten Weg entlanggehastet ist, kann es schon schwerfallen, die Kurve zu kriegen – mal ganz abgesehen von den versunkenen Kosten. Ich konnte die zahllosen investierten Stunden nicht einfach abhaken.

Hinzu kam auch noch die Unsicherheit. Nach zehn Jahren im Investment Banking konnte ich mir nur noch schwer vorstellen, etwas anderes zu machen. Zwar hatte ich noch andere Interessen – das hoffte ich zumindest, aber ich habe niemals eruiert, wie sich daraus eine Karrierealternative entwickeln ließe.

Darüber hinaus zweifelte ich daran, ob ich nach dem zehnjährigen Aufbau von Karriere und Reputation noch einmal ganz vorn anfangen wollte. Wäre es nicht leichter, einfach den Schwanz einzuziehen, und den erprobten Weg vom Analysten über Associate und Vice President zum Director weiter zu beschreiten?

Die Wende

Jedenfalls bewölkten derartige Gedanken über zwei Jahre meinen Geist, bis mich die Erschöpfung über die Grenze trieb. Im Investment Banking wird jede wache Minute dem Beruf geopfert, weshalb es nur wenig wertvolle Zeit gibt, um Alternativen abzuwägen. Und selbst wenn Sie einen solchen Moment finden, dann ist es unter dem Druck von Deadlines unmöglich, eine objektive und rationale Entscheidung zu fällen.

Ich benötigte eine Auszeit von der Branche, um mir über Alternativen klar zu werden, um den Ideen die Zeit zu geben, sich zu entwickeln. Zunächst dachte ich, dass es ein vergleichsweise sichere Alternative wäre, bei etwas vertrautem wie Corporate Development unterzukommen. Doch mit jedem weiteren Tag, den meine Bankingkarriere hinter mir lag, weitete sich mein Horizont.

Bald stellte ich fest, dass mich nichts mehr hielt. Als ich das Investment Banking verlassen hatte, habe ich die Tür hinter mit zugeworfen, wenn nicht sogar verschlossen. Finance ist eine launische Branche. Es dauert nicht lange, bis Sie den Kontakt zu den Märkten verlieren. Die Kundenbeziehungen gehen rasch verloren.

Ausreden machen keinen Sinn

Eine Rückkehr erwies sich als höchst unwahrscheinlich. Erstmals nach zehn Jahren zog keine Ausrede mehr. Als die Zeit schließlich gekommen war, fiel mir die endgültige Entscheidung erstaunlich leicht. Nur einige Monate, nachdem ich das Investmentbanking verlassen hatte, habe ich mich in eine Kochschule eingeschrieben. Ich musste feststellen, dass alle außer mir selbst dies seit Jahren für die optimale Lösung hielten. Von daher habe ich den Schritt niemals bereut.

Jedem, der über einen ähnlichen Abgang aus den Finanzdienstleistungen nachdenkt, kann ich nur sagen, dass ich auf diese Weise zufällig mein Glück gefunden habe. Jeder muss einige extrem schwierige und persönliche Entscheidungen treffen und jede Entscheidung macht Kompromisse erforderlich. Es geht um Geld, Macht, Freizeit, Gesundheit, Familie und vieles mehr – man kann nicht alles haben. Manchmal müssen auch Opfer gebracht werden.

Für Mitarbeiter aus den Finanzdienstleistungen stellt sicherlich die Vergütung die größte Herausforderung dar. Denn jeder weiß, dass in kaum einer anderen Branche so gut bezahlt wird. Leider trifft dies auch zu. Von daher wird es sicherlich niemanden überraschen, dass ein Koch weniger als ein Investmentbanker verdient.

Selbst nach Jahren öffentlicher Kritik und Rückschlägen bei der Bezahlung gibt es nur wenige Branchen, in denen ähnlich gut gezahlt wird. Mal ganz abgesehen von großer unternehmerischer Begabung und viel Glück, gibt es keinen Ort, wo es einem finanziell besser geht. Allerdings wird ein Koch auch nicht um 22 Uhr angerufen, damit er in der Nacht einige Finanzierungsmodelle für den kommenden Morgen überarbeitet. Wie schon gesagt, es handelt sich um einen Kompromiss.

Nach einigen Jahren im Banking geht es bei der Bezahlung immer weniger darum, seinen Lebensstil zu bestreiten. Ab einem gewissen Punkt, geht es nur noch um den Spielstand. Kein Jahresbonus ist groß genug, selbst wenn er größer als der Ihrer Kollegen ausfällt. Doch wie viel Geld braucht man für ein komfortables Leben? Den Job zu wechseln, weniger Geld zu verdienen und dafür im Gegenzug mehr Freizeit und weniger Stress zu erhalten, kann sich als hervorragendes Geschäft erweisen.

Falls Sie also mit dem Thema Vergütung zurechtkommen, dann gibt es immer noch die Angst vor dem Ungewissen, was sicherlich richtig ist. Eine neue Karriere zu beginnen, birgt Risiken. Nur weil Sie einen erstklassigen Investmentbanker abgegeben haben, heißt das noch lange nicht, dass Sie auch anderswo ebenso erfolgreich sind – obgleich wir das alle gerne glauben. Selbst wenn es sich um Ihre Leidenschaft handelt, enden Sie womöglich als ein lausiger Koch.

Blicken Sie nie zurück

Wer seinen Job in den Finanzdienstleistungen aufgibt, muss bereit sein, der Branche für immer den Rücken zu kehren. Wenn Sie damit nicht zurechtkommen, dann sollten Sie die Branche erst gar nicht verlassen. Denn eine vakante Stelle wird rasch wiederbesetzt. Sobald Sie erst einmal einige Monate raus aus dem Job sind, dann können Sie sicher sein, dass Sie auch niemand mehr zurückerwartet.

Das ist wahrscheinlich auch gut so. Einen neuen Job zu beginnen, ist immer mit Stress verbunden. Da kann man sich schon nach der alten, vertrauten – wenn auch miserablen – Routine zurücksehnen, der Sie kürzlich erst entrinnen wollten.

Obgleich sich einige Türen hinter Ihnen schließen werden, heißt das noch lange nicht, dass Ihnen nicht doch noch zahllose Optionen offenstehen. Schließlich handelt es sich um eine große Branche. Auch wenn Sie nie wieder auf den Weg zum Managing Director bei Ihrer alten Investmentbank zurückfinden, kann sich doch z.B. die Arbeit im Corporate Development bei einem früheren Kunden als goldrichtige Wahl erweisen.

Gehen oder bleiben? Es gibt keine vollkommen befriedigende Antwort, kein Job ist perfekt. Auch beim Traumjob handelt es sich doch nur um einen Job und selbst beste Positionen bringen schlechte Tage und Herausforderungen mit sich. Schwierige Charaktere, inkompetente Kollegen und unrealistische Erwartungen, schlechte Kommunikation… all das findet sich nicht nur in den Finanzdienstleistungen. Es handelt sich um die Widrigkeiten des Lebens.

Falls Sie ehrlich zu sich selbst sind und wissen, was Sie wirklich wollen, dann kann man über solche Irritationen hinwegsehen. Falls Sie den richten Job haben, dann können Sie darüber lachen. Wenn Sie aber nur schon schreien möchten, dann sollten Sie die Zeichen der Zeit erkennen.

Mark Franczyk hat zehn Jahre als Investmentbanker gearbeitet. Nachdem er zum Vice President befördert worden war, hat er sich zum Verlassen der Branche durchgerungen, eine professionelle Kochschule besucht und arbeitet mittlerweile als Konditor in New York.

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