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GASTBEITRAG: Mein Problem mit erstklassigen Studenten, die meinen Job wollen

Nach den Erfahrungen unseres Gastautors ist die Konkurrenz am Finanzplatz London mörderisch.

Nach den Erfahrungen unseres Gastautors ist die Konkurrenz am Finanzplatz London mörderisch.

Zunächst muss ich bekennen: Ich war kein erstklassiger Student, ich besitze kein Prädikatsexamen und ich beherrsche auch keine drei Sprachen fließend. Ich habe weder in Großbritannien noch anderswo eine Eliteuni besucht und ich habe auch kein Semester im Ausland verbracht. Ich habe an keinem Schnupperpraktikum im Frühling, an keinem Sommer- oder auch nur Winterpraktikum teilgenommen. Mir war nicht klar, dass ich im Banking anfangen würde, um anschließend auf die Buy-Side zu wechseln, wie es später eintreten sollte. Leider wollen viel zu viele andere Leute das gleiche.

Heute bin ich Portfoliomanager und Analyst bei einem Makro-Fonds in London. Vor 15 Jahren hatte ich gerade mein Studium an einer der 24 besten Unis Großbritanniens, der sogenannten Russel Group, abgeschlossen. Ich zählte nur 21 Lenze und wohnte noch bei Mama und Papa zuhause in London – ohne auch nur ein Praktikum absolviert oder einen großen Namen in meinem Lebenslauf gehabt zu haben. Meine einzige Chance auf einen Bankenjob bestand in einem Zeitvertrag in der Wertpapierabwicklung einer US-Bank in London.

In 2001 war die Finanzbranche noch wesentlich durchlässiger als heute. Es gibt gewissermaßen eine Zeit vor und nach den Skandaltradern Jérôme Kerviel und Kweku Adoboli. Seinerzeit scheuten sich die Banken weniger, Leute mit Kenntnissen über die Kontrollmechanismen aus dem Back Office auf Jobs im Front Office zu befördern. Ich verbrachte also drei Monate in der Wertpapierabwicklung, bevor sich mir eine Chance in der Kreditanalyse bot. Bei den Analysten der Bank war ein Einstiegsjob vakant und ich hatte den Wettbewerbsvorteil, dass ich mich bereits in der Bank befand.

Als Zeitarbeiter hatte ich den Vorteil, dass ich mich für Positionen bewerben konnte, die intern vergeben wurden. Weiter konnte ich bereits die Research-Berichte lesen, weshalb ich im Vorstellungsgespräch wusste, worüber ich sprach. Nicht zuletzt besaß ich so auch das Geld, um mir Anzüge und Hemden zu kaufen, mit denen ich stattlich aussah.

Nach drei Monaten als Leiharbeitnehmer konnte ich so meine Karriere in die richtige Richtung aufgleisen, was mir später auch den Wechsel auf die Buy-Side erlauben sollte. Heute würde ich wohl kaum noch solche Chancen bekommen, denn mittlerweile lockt die Londoner City die Besten der Besten von rund um den Globus an. Ich selbst heuere für meinen Arbeitgeber Berufseinsteiger an, die sämtlich Prädikatsexamen von den besten Unis rund um den Globus mitbringen.

Tatsächlich beängstigt es mich, wenn ich lese, dass die Unternehmen sich immer mehr auf die jüngeren Mitarbeiter verlassen und sich von den erfahreneren und teureren Arbeitskräften trennen. Darüber hinaus schrumpft die Branche. Viele der Jobs im Trading verschwinden z.B. im Zuge der Automatisierung des Handels. Dagegen sind neue Kompetenzen gefragt: So genügt es in London oft nicht mehr nur Englisch zu sprechen, was besonders der Fall ist, wenn man mit den Schwellenländern arbeiten möchte. Der Weg über die Zeitarbeit einzusteigen, den ich gegangen bin, gibt es längst nicht mehr. Heute bestehen die besten Chancen für einen Berufseinsteiger in London bei einem kleinen Debt Fonds für gestresste Wertpapiere. In den ersten Jahren wird sich das nicht auszahlen, aber es stellt eine gute Lehre dar und Sie können praktische Erfahrungen von einigen Branchenveteranen sammeln.

Doch wie sehen die Chancen für die Veteranen wie mich mit Mitte 30 und darüber aus? Können wir überleben, wenn die Londoner City von unglaublich talentierten Einsteigern aus Kontinentaleuropa und Asien regelrecht überschwemmt wird? Sicherlich müssen wir ganz vorne mit dabei sein und unsere Erfahrungen einbringen, um in diesen schwierigen Märkten zu bestehen. Wir müssen uns allerdings auch in Bescheidenheit üben und freundlich bleiben. Noch nie war es so wichtig, auf dem Weg nach oben nett und freundlich zu sein. Denn Sie wissen niemals, wen Sie auf Ihrem Weg nach unten wiedertreffen werden.

Bei Niall Wagner handelt es sich um eine Pseudonym.

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