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Sinn oder Unsinn: Sind Bewerbungs-Anschreiben überhaupt noch zeitgemäß?

Nach der Bonussaison ist der richtige Zeitpunkt gekommen, sich nach einem besseren Job umzuschauen. Denn traditionell beginnt sich zu dieser Jahreszeit in den Finanzdienstleistungen das Jobkarussell rasant zu drehen. Während der aktualisierte Lebenslauf und die Zeugnisse – hoffentlich – bereits auf der Festplatte bereitliegen, stellt das Anschreiben eine größere Herausforderung dar. So mancher Bewerber stönt über die höhere Kunst der Bewerbungsprosa. Doch welche Relevanz kommt dem Anschreiben in Zeiten der Internetbewerbung überhaupt noch zu?

Vom Unsinn der Anschreiben…

“Wir sind immer froh, wenn wir keine kriegen. Das zentrale Dokument ist der Lebenslauf. Das Anschreiben ist einfach nicht mehr zeitgemäß”, sagt Recruiter Thomas von Ciriacy-Wantrup von Fricke Finance & Legal in Frankfurt. Seit drei bis vier Jahren sinke die Zahl der Bewerbungen mit einem eigenen Anschreiben. Mittlerweile würden nur 30 bis 40 Prozent der Bewerbungen mit einem Anschreiben ins Haus flattern.

Der Experte beobachtet eine enge Verbindung des Niedergangs der klassischen Anschreiben mit dem Anstieg der Email-Bewerbungen. “Das Anschreiben in der Email sollte inhaltslos sein”, ergänzt von Ciriacy-Wantrup. Es besteht lediglich aus den üblichen Höflichkeitsfloskeln, der jeweiligen Stellenbezeichnung sowie den angefügten Anlagen wie etwa:

“Sehr geehrter Herr Müller,

hiermit bewerbe ich mich auf die von Ihnen ausgeschriebene Position in Equity Sales. Im Anhang finden Sie meinen Lebenslauf sowie alle relevanten Zeugnisse.

Mit freundlichen Grüßen

Eugen Meyer-Schulze”

Laut von Ciriacy-Wantrup wiederholen viele traditionelle Anschreiben lediglich die Angaben aus dem Lebenslauf. Rund 90 Prozent enthielten überdies den altbekannten Kompetenzen-Katalog von “Teamfähigkeit, Belastbarkeit, Flexibilität und gute Kommunikation.” Das sei redundand und wenig aussagekräftig. “Es hat einfach niemand mehr die Zeit, das zu lesen. Daher geht der Trend eindeutig zu einem aussagekräftigen Lebenslauf”, ergänzt der Recruiter.

… und vom Sinn der Anschreiben

“Ich denke schon, dass Anschreiben Sinn machen”, widerspricht Recruiter Gunnar Belden von Badenoch & Clark in Frankfurt. Allerdings beobachtet auch Belden den Niedergang der Anschreiben. “Die Emailbewerbung hat es ermöglicht, auf Anschreiben zu verzichten”, meint der Recruitment-Experte. Denn bei der überholten Papierbewerbung war es einfach undenkbar, seinen Lebenslauf ohne Anschreiben in einen Umschlag zu stecken.

Doch auch Belden rät von inflationärer Bewerbungen mit vorgefertigten Anschreiben ab. “Die allerwenigsten Bewerber machen sich die Mühe, ein individuelles Anschreiben zu verfassen. Ich wundere mich manchmal, wieso da nicht Sehr geehrter Herr XYZ’ steht”, beklagt der Experte.

Damit vergeben sich Kandidaten eine Chance. Denn mit einem gut gemachten Anschreiben würde auch die Wertschätzung gegenüber dem Ansprechpartner signalisiert, die auch die Kandidaten selbst in einem Bewerbungsprozess erfahren wollen.

“Wenn man sieht, dass der Bewerber sich mit der Stelle beschäftigt hat, dann ist das definitiv die halbe Stunde wert”, sagt Belden. In einem guten Anschreiben können Anforderungen und Aufgabenbeschreibung aus der Stellenanzeige aufgegriffen werden und mit Details aus dem eigenen Lebenslauf abgeglichen werden.

Bewerber sollten sich nicht willkürlich bewerben, sondern sehr spezifisch auf Stellen, für die sie tatsächlich geeignet sind. “Gute Kandidaten können sehr gezielt in den Markt gehen”, bekräftigt Belden.

Allerdings müsse das Anschreiben kurz und prägnant ausfallen. “Mehr als fünf Minuten widmet man sich keiner Bewerbung, bevor man entscheidet, ob der Kandidat interessant ist oder nicht. Falls es dem Bewerber nicht gelingt, in dieser Zeit das Interesse zu wecken, dann wird die Bewerbung vermutlich auf den Stapel mit den Absagen landen”, prophezeit der Experte.

Der Wert eines Anschreibens sollte indes nicht überschätzt werden: “Auch in der Vergangenheit hat niemand einen Kandidaten aufgrund eines Anschreibens zum Vorstellungsgespräch eingladen.” Denn das Maß aller Dinge bleibt der Lebenslauf.

Kommentare (1)

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  1. Als Headhunter benötige ich tatsächlich kein Anschreiben – für Direktbewerbungen bei Unternehmen sieht die Sache aber noch völlig anders aus!

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