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Banken ziehen die Daumenschrauben an

Ehepaare in Großbritannien, deren Scheidung von einem Richter bestätigt wurde, müssen sechs Wochen warten, bevor die Scheidung endgültig rechtskräftig wird. Einige Banken wenden bei ihrem Personal ähnliche Methoden an, indem sie ihm längere Kündigungsfristen aufbürden.

So berichtet ein Analyst von Merrill Lynch, die Bank hätte die Kündigungsfristen von drei auf sechs Monate verdoppelt, um Analysten davon abzubringen, das Unternehmen zu verlassen.

Im vergangenen Jahr verlangte Merrill von seinen Senior-Führungskräften, Wechselabsichten mit einem Vorlauf von sechs Monaten bekannt zu geben.

Merrill Lynch gab dazu keinen Kommentar ab, jedoch bestätigt der Leiter der Personalabteilung eines Konkurrenzunternehmens aus der Londoner City den Versuch von Banken, Personal längerfristig an sich zu binden.

Er erklärt: “Die meisten US-Banken haben üblicherweise einmonatige Kündigungsfristen. Sie ändern diese zunehmend in dreimonatige Fristen, wie es bei den europäischen Banken üblich ist.”

David Dalgano, auf Arbeitsrecht spezialisierter Anwalt in der Londoner Kanzlei McDermott Will & Emery, sieht Merrill als die vermutlich einzige Bank mit einer sechsmonatigen Kündigungsfrist. “Die Banken variieren üblicherweise zwischen einem und drei Monaten”, beobachtet er.

Der Grund für die längeren Kündigungsfristen sind die Bemühungen, das Personal an sich zu binden. Ein Personalleiter erklärt: “Längere Kündigungsfristen werden als Abschreckung vor Abwerbeversuchen angesehen. Bis jemand endgültig geht, sind die Kundenbeziehungen wenig ergiebig.”

Doch längere Kündigungsfristen sind kostspielig. Eine US-Bank belässt es eigenen Angaben zufolge aus Kostengründen bei einer einmonatigen Kündigungsfrist. “Eine Studie zeigte, dass es unerschwinglich teuer ist, die Leute zwei weitere Monate auf der Gehaltsliste stehen zu haben”, heißt es.

Denn Banker bleiben selten während der Kündigungsfrist produktiv beschäftigt. Sobald sie ihre Absicht, das Unternehmen zu verlassen, kundgetan haben, werden sie Dalgano zufolge in der Regel bis zum Ende der Kündigungsfrist auf das Abstellgleis gestellt.

Banken, die den durch unberechenbares Personal angerichteten Schaden begrenzen wollen, können sich eine Scheibe von den Arbeitsbedingungen bei Inter-Dealer-Brokern abschneiden. Damien Lee, Managing Director bei Search Partners, einem Headhunter, der auch von Cantor Fitzgerald eingesetzt wird, berichtet, sechsmonatige Kündigungsfristen seien in dieser Branche recht normal.

Lee erklärt, die Broker sähen in einer langen Kündigungsfrist eine Möglichkeit, um die Kundenbeziehungen des abwanderungswilligen Angestellten zu untergraben. “Sechs Monate ist eine lange Zeit, um nicht mit seinen Kunden in Kontakt zu sein. Während Sie zu Hause im Garten sitzen, wird ein anderer Broker die Kunden hegen und pflegen, um sie vom Wechsel zu ihm zu überzeugen”, berichtet er.

Den Fesseln des Inter-Dealer-Brokerages zu entkommen ist schwierig, da dreijährige Arbeitsverträge üblich sind. Broker kündigen daher mit großer Wahrscheinlichkeit gegen Ende ihrer Vertragslaufzeit, was natürlich auch Headhunter genauestens beobachten.

“Wir wissen, dass der Vertrag des Angestellten X in zwei Monaten ausläuft und wir werden zur Stelle sein, ” sagt Lee.

Auf Banken spezialisierte Headhunter verfügen in Deutschland über einen ähnlich begrenzten Zeitrahmen, um tätig zu werden. Deutsche Kündigungsfristen betragen üblicherweise drei bis sechs Monate zum Quartalsende.

Bernd Weller, Arbeitsrechtler bei Lovells in Frankfurt, erklärt, dass ein Angestellter mit dreimonatiger Kündigungsfrist, der zum Januar seinen Job wechseln will, bereits im Herbst kündigen müsse.

John Jessen, Director beim Frankfurter Headhunter Smith & Jessen, stellt fest, dass dies für einige US-Banken ein Schock sei. “Amerikanische Manager, die sich auf dem deutschen Markt nicht so gut auskennen, geben ihre Personalplanung im Januar oder Februar bekannt, da sie davon ausgehen, dass das Personal einmonatige Kündigungsfristen hat. Eigentlich hätten sie die Headhunter jedoch bereits im vorhergehenden Sommer einschalten müssen”, erklärt er.

In den USA existieren solche Kündigungsfristen nicht, Arbeitsverhältnisse funktionieren “nach Belieben”. Robert Stulberg, Arbeitsrechtler bei Broach & Stulberg, einer Kanzlei in Manhattan, berichtet, dass Arbeitnehmer, die ein Unternehmen am nächsten Tag verlassen wollten, dies in der Regel auch tun könnten.

In Ermangelung von Kündigungsfristen fahren US-Banken einen alternativen Ansatz, um das Personal an sich zu binden. Jay Gaines, Präsident des Wall Street Recruiters Jay Gaines & Co, erklärt, Belegschaftsaktien und Garantien seien in der Branche üblich.

Lazard hat zum Beispiel nach seinem Börsengang manchen Directors dreijährige Bonusgarantien zugesprochen. In Anbetracht von abwandernden Senior Partnern hat Morgan Stanley dem Wall Street Journal zufolge einigen Angestellten Belegschaftsaktien im Wert von mehreren Millionen US-Dollar angeboten.

Merrill Lynch wird nachgesagt, das Unternehmen habe seinen Londonern Analysten angedroht, ihre Prämien so lange nicht auszuzahlen, bis sie die neuen Kündigungsfristen akzeptiert hätten.

Gaines erklärt jedoch, Merrill wäre unbedacht, wenn sie die kontinentaleuropäischen Angestellten genauso behandeln wollten.

Er meint: “Ein Unternehmen, das in der Krise versucht, Leute vertraglich an sich zu binden, läuft Gefahr, sie alle zu verlieren. Die Leute nehmen es wirklich übel, wenn Firmen sie in Ketten legen.”

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