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ERFAHRUNGSBERICHT: Wie ich mich bei meinem Vice President über sinnlose Arbeit beschwert habe

Was passiert, wenn Analysten streiken.

Was passiert, wenn Analysten streiken.

Als die Finanzkrise im Juli 2008 auf ihren Höhepunkt zusteuerte, befand sich Dave McGeady zum Surfen in Südwestfrankreich. „Ich habe mir ein Wohnmobil gekauft und bin über den Sommer nach Biarritz gereist“, berichtet McGeady. „Ich habe mein Zimmer in London vermietet und dem Banking einfach den Rücken gekehrt.“

Noch einen Monat zuvor hatte McGeady als M&A-Analyst im Health Care-Team der Bank of America Merrill Lynch in London gearbeitet.

„Vor meinem Einstieg habe ich wirklich nicht viel übers Banking gewusst“, gesteht McGeady. „In meiner Familie gab es niemanden, der im Banking gearbeitet hat, und ich wusste nicht, worauf ich mich damit einließ.“

„Es stellte für mich in der ersten Woche einen massiven Schock dar, als 18 Uhr kam und ich feststellen musste, dass niemand nachhause ging“, fährt McGeady fort. „Ich hatte nicht damit gerechnet, an meinem ersten Tag bis Mitternacht Verkaufsunterlagen Korrektur zu lesen. Das stellte eine Feuertaufe dar. Ich wusste, dass Banker hart arbeiten, aber ich wusste nicht, dass sie immer arbeiten.“

Zwischenzeitlich ist McGeady in die irische Hauptstadt Dublin gegangen und hat sein Nahrungsmittel-Unternehmen Wyldsson aufgemacht, welches ausbalancierte, natürliche Lebensmittel für Athleten anbietet. Zurück in 2006 war er gerade nach London umgezogen und wollte neue Freunde finden. Das gelang ihm nicht – mit Ausnahme der Kollegen, die er bei der Arbeit traf. „Es handelt sich wirklich um fehlende Jahre“, sagt er heute. „Ich kann mich nicht erinnern, was ich von der Arbeit erwartete. Ich habe aber sicher niemanden kennengelernt; vielmehr habe ich meine gesamte Zeit im Büro verbracht.“

Seit McGeady die Branche verlassen hat, haben die Investmentbanken reihum versucht, die Arbeitszeiten der jüngeren Mitarbeiter zu begrenzen. Offen ist jedoch, wie erfolgreich diese Einschränkungen tatsächlich ausgefallen sind. McGeadys Erzählungen dürften jedenfalls noch heute von vielen jüngeren Investmentbankern bestätigt werden.

„Anfangs dachte ich, dass wir nur so irrwitzig hart arbeiteten, weil wir mit einem dringenden Deal beschäftigt waren und dass es hieß, dass alle Mann an Deck sein mussten, was ich verstanden hätte“, erzählt McGeady. „Dann musste ich aber feststellen, dass auch wenn Sie nicht mit aktuellen Deals beschäftigt waren und Sie an Verkaufsunterlagen arbeiteten, dieses Pitching den gleichen Rhythmus wie aktuelle Deals hat.“

Das eigentliche Problem dabei seien die Korrekturdurchläufe gewesen, meint McGeady. „Sie erhalten von einem Managing Director um 18 oder 19 Uhr eine lächerlich große Menge an Korrekturen, die bis zum nächsten Morgen eingearbeitet werden müssen, auch wenn sie dies nicht bis zum folgenden Tag anschauen.“

Angesichts der Sinnlosigkeit des Pitching-Spiels platzte McGeady eines Freitagabends der Kragen. „Das Wochenende sah ausnahmsweise einmal gut aus. Doch plötzlich wurde ich hereingerufen. Mir wurde mitgeteilt: Es bestehe die Möglichkeit, dass der Managing Director die Verkaufsunterlagen einem Kunden präsentieren könnte. Sie hatten keine Ahnung, wann dieser Pitch vonstattengehen sollte und worum es überhaupt gehen sollte, dennoch bestanden sie darauf, dass wir das gesamte Wochenende daran arbeiten sollten, was möglicherweise so alles in das Pitchbook einfließen könne.“

An diesem Punkt hatte McGeady genug: „Ich sagte: Wartet, wieso geht Ihr nicht zu dem Kundenbetreuer, der den Kunden kennt, und versucht zu erfahren, worüber sie vielleicht sprechen wollen.“

Diese Äußerung stieß nicht gerade auf Gegenliebe. „Ich wurde nur angestarrt“, erzählt McGeady. „Und nach ein paar Wochen wurde mir der Laufpass gegeben.“

Auch sieben Jahren später unterhält McGeady immer noch Freundschaften zu ehemaligen Kollegen der Bank of America Merrill Lynch. „Ich habe einige wirklich starke Bindungen zu den anderen Analysten entwickelt. Es ist ein bisschen wie beim Militär: Sie machen gemeinsam die gleiche intensive Erfahrung durch.“

Die meisten dieser Ex-Kollegen arbeiten heute in Private Equity oder Venture Capital, doch einige blieben dem Investment Banking treu. Rückblickend denkt McGeady, dass besonders diejenigen Einsteiger im Investment Banking Karriere machen, die zum Buckeln bereit sind. „Die Banken wollen unterwürfige Maschinen. Sie wollen niemanden, der sich meldet und vorschlägt, etwas einmal anders zu machen.“

Manche Banker würden den Gehorsam bis zur Kriecherei treiben. „In unserem Team gab es einen jungen Analysten, der herumlief und Bestellungen für das Abendessen annahm und diese an das Team verteilte. Als er zum Arbeitsplatz des Managing Directors gelangte, bezahlte er alles für ihn. Das war schon seltsam.“

Heute hält McGeady seinen Abgang aus dem Investment Banking für einen Glücksfall. „Es ist schwierig den Einstieg ins Banking zu finden, aber es ist fast noch schwieriger wieder herauszufinden. Als ich einmal an diesem Punkt angelangt war, hatte ich keine Zeit, darüber nachzudenken, was ich als Nächstes machen wollte. Ich musste meinen Job verlieren, um aus dieser Spur hinauszufinden. Ich fühlte mich wie befreit.“

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