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Tough enough? Ohne mentale Stärke gelingt keine Karriere im Banking

Staerke

Es klingt etwas seltsam, doch wenn es um die mentale Belastung im Beruf geht, dann scheinen Finanzprofis und Notärzte etwas gemeinsam zu haben. „Es gibt einige Karrieren, die von sich aus mehr Druck und Stress aufweisen“, sagt Doug Strycharczyk vom Anbieter psychometrischer Tests AQR. „Dazu gehören beispielsweise Jobs in der Notfallmedizin oder in Banking und Finance.“

AQR bietet auch Tests zur psychologischen Belastbarkeit an, die u.a. dazu verwendet wurden, um Autobahnpolizisten zu testen, die oft als erste an einem Unfallort eintreffen. Strycharczyk beteuert, dass der Test auch bei Finanzdienstleistern beliebt sei. „Er wird meistens für die Personalentwicklung verwendet“, sagt er. „Er hilft dabei zu erfassen, wieso Leute auf eine ganz eigene Weise auf Druck reagieren.“

Seit die US-Investmentbank Goldman Sachs eine „Belastbarkeitswoche“ in 2010 ausrief, hat das Thema auch in den Finanzdienstleistungen an Fahrt gewonnen. In einer Präsentation von 2012 warnt das Unternehmen vor einer Lawine von Verhaltensproblemen. So hätten sich die psychisch bedingten Krankenstände in den beiden vorhergehenden Jahren mehr als verdoppelt. Goldman Sachs selbst wollte sich hierzu nicht äußern. Doch vor drei Jahren berichtete die Bank, dass Mitarbeiter mit „vielfältigen Herausforderungen an ihre Belastbarkeit“ konfrontiert seien. Dazu zählten u.a. die negative Berichterstattung in den Medien, die Work-Life-Balance und der Leistungsdruck in „einem Umfeld aufwendigen Managements.“

Was allerdings unter mentaler Belastbarkeit verstanden wird, hängt ganz davon ab, wen man fragt. Laut Strycharczyk handle es sich um „die Fähigkeit mit Stress, Druck und Herausforderungen umzugehen – und zwar unabhängig von den Umständen.“

Nach Diane L. Coutu von der Harvard Business Revue besteht mentale Belastbarkeit aus drei Elementen: eine entschiedene Akzeptanz der Realität, eine tiefe Überzeugung, dass das Leben sinnvoll ist und einem hohen Improvisationstalent.

Kürzlich erst hat die US-Forscherin Angela Duckworth ihr Konzept von „Charakterstärke“ vorgestellt. Demnach kämen Hartnäckigkeit und Leidenschaft bei der Verfolgung langfristiger Ziele zentrale Bedeutung zu.

„Charakterstärke bedeutet, dass man heftig gegen Widerstände anarbeitet, und sich trotz Jahren mit Fehlschlägen, Missgeschicken und mangelndem Fortschritt seine Anstrengungen und sein Interesse bewahrt“, schreibt Duckworth. Nach ihren Untersuchungen herrsche eine enge Korrelation zwischen Charakterstärke und Selbstdisziplin auf der einen Seite sowie lebenslanger Fortbildung und Karriereerfolg auf der anderen. Duckworth hat bei ihren Gesprächen mit Investmentbankern herausgefunden, dass viele Charakterstärke oder „kontinuierliche Hingabe“ als entscheidend für den Erfolg in einem stressintensiven Umfeld wie dem Investment Banking angeben.

Strycharczyks Test ist leider kostenpflichtig. Doch zeige sich die Belastbarkeit von Personen daran, ob sie folgende Fragen positiv beantworten oder nicht: „Ich wünsche mir oft, mein Leben wäre vorhersehbarer“, „Normalerweise kann man sich darauf verlassen, dass ich die mir übergebenen Aufgaben erledige“ und „Auch unter beträchtlichem Druck bleibe ich normalerweise ruhig.“

Wer die erste Frage ablehne und den letzten beiden zustimme, sollte genügend Belastbarkeit für eine Karriere im Banking mitbringen. Doch um sicher zu gehen, müssten auch die restlichen 45 Fragen in seinem Test beantwortet werden, meint Strycharczyk. Doch nicht alle stimmen ihm zu.

Verleugnen Sie Ihre Emotionen nicht

„In den Finanzdienstleistungen wird die Bedeutung mentaler Belastbarkeit überbetont und die Bedeutung von Emotionen unterschätzt“, warnt denn auch Karrierecoach Denise Shull aus New York, die vor allem mit Tradern von Investmentbanken und Hedgefonds arbeitet. Dies könne schon zu Problemen führen. „Anstatt seine Emotionen zu verleugnen, gilt es Emotionen als integralen Bestandteil des Entscheidungsprozesses zu akzeptieren, und zu lernen, zwischen intuitiven Gefühlen, nach denen Sie handeln wollen, und impulsiven, nach denen Sie nicht handeln wollen, zu unterscheiden.“

Als Beispiel führt Shull das Konzept des „Bestätigungsfehlers“ an. Dabei handelt es sich um die Tendenz nur diejenigen Informationen auszuwählen, die eine vorgefasste Meinung bestätigen. Dabei handle es sich um keinen rationalen, sondern um einen emotionalen Fehler. „Es geht darum, das Richtige zu wollen, und Angst davor zu haben, falsch zu liegen. Sie müssen erkennen, dass Sie fühlen, dumm dazustehen.“

Mit anderen Worten: Die belastbarsten Trader achten auf ihre Emotionen, sind aber dennoch in der Lage, sie zu übergehen, sobald dies erforderlich wird.

Shull arbeitet an einem neuen Test, bei dem es nicht nur darum gehe, seine Emotionen zur Erreichung seiner Ziele beiseite zu schieben, sondern auch eine „kognitive Empathie“ zu entwickeln. Es genüge nicht, seine eigenen Emotionen richtig einzuordnen, sondern die von anderen wahrzunehmen und vorherzusagen. „Das ist die Richtung, in der sich die Forschung über die mentale Belastbarkeit im Trading entwickelt“, meint Shull.

Unterdessen gehen Banken das Problem pragmatisch an. So hat Goldman Sachs beispielsweise für sein europäisches Hauptquartier in London einen Psychologen angeheuert. Darüber hinaus wird das Thema der mentalen Belastbarkeit in internen Videos thematisiert. Die Bank arbeitet gegen die Stigmatisierung psychologischer Probleme an und versucht mehr Hilfe bereitzustellen. Seither ist der Zuspruch zu den Hilfsprogrammen um immerhin 75 Prozent gestiegen.

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