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GASTBEITRAG: Meine Erfahrungen mit Medikamentenmissbrauch und Zwängen im Banking

Das wird im Banking längst nicht mehr gern gesehen.

Das wird im Banking längst nicht mehr gern gesehen.

Dass die Arbeit im Banking schon ein wenig rau ausfallen kann, ist allgemein bekannt. Zusammenbrüche in Folge von Alkohol- und Kokainkonsums begleiten die Branche seit den 70er Jahren. Doch nach meiner eigenen Erfahrung haben sich die Dinge zwischenzeitlich verändert: Die heutige Generation der Top-Finanzprofis scheint eher von Abhängigkeiten zu verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln, von krankhaften Zwängen und von Essstörungen, als von Whisky und Crackpfeifchen heimgesucht zu werden.

Dafür ist der hohe Druck in der Branche verantwortlich. Von meinen Freunden, die bei Banken und Hedgefonds arbeiten, wird oft erwartet, über längere Zeit 120 Stunden pro Woche zu arbeiten. Hinzu kommen Dienstreisen und das Jonglieren mit dem Geld anderer Leute. Dies hat Auswirkungen auf die mentale und körperliche Gesundheit. Im Laufe der Zeit schaltet der Körper einfach ab.

„Ich befinde mich in einem andauernden Kampf mit meinem Körper und ich muss das kontrollieren“, hat mir ein Freund aus dem Banking erzählt. Es handelt sich um einen gut ausgebildeten, erfolgreichen Mann, der einen „verständnisvollen“ Arzt in der Londoner Harley Street hat, der ihm allmonatlich einen Cocktail von Amphetaminen, Antidepressiva und starken Schmerzmitteln verschreibt. „An den Wochenenden nehme ich die doppelte Dosis, nur um mit meiner Frau und den Kindern zurechtzukommen“, vertraute er mir kürzlich an.

Während es einst akzeptiert wurde, sich einige Drinks zum Mittagessen zu genehmigen, betrunken oder sogar high zu sein, gilt dies heute als gesellschaftlicher und beruflicher Makel. Dagegen ist es vollkommen in Ordnung, eine Notfallration von verschreibungspflichtigen Medikamenten in der Tasche zu haben. Als wir eines Abends in einem Restaurant im Westlondon waren, warf sich mein Bankerfreund inmitten eines Gesprächs beiläufig ein Antidepressivum ein und sagte. „Das macht mich geselliger.“

Und wenn es sich nicht um verschreibungspflichtige Medikamente handelt, dann um Zwänge. Ein anderer Freund, der als Chief Investment Officer bei einem milliardenschweren Hedgefonds arbeitet, ist von Fitnesstraining und Diäten besessen. Er steht jeden Morgen bei Sonnenaufgang auf und verbringt zwei Stunden mit Spinning und Yoga. Er hält sich strikt an eine Paläo-Diät. Auch seine Frau und seine Hausangestellten zwingt er dazu.

Dieser Freund erzählt mir: „Ich möchte mein Körperfett auf 10 Prozent herunterbringen und ewig leben.“ Der gleiche Mann war mit Ende 20 so stark von Alkohol und Kokain abhängig, dass er 18 Wochen in einer Entziehungskur verbrachte. Er weiß, dass er sich glücklich schätzen darf, dies überlebt zu haben, und er ist sich auch bewusst (oder zumindest glaube ich das), dass er nur einen Zwang durch einen anderen ersetzt hat.

Falls Sie ein Schauspieler oder ein Rockstar sind, dann kann Drogenmissbrauch sogar Ihren Markenwert steigern. Doch niemand möchte, dass jemand Crack raucht, der sein Geld verwaltet. Von daher haben die Banken ein Interesse daran, schädlichere Abhängigkeiten zu bekämpfen, sobald sie entstehen. Ein Banker aus meinem Bekanntenkreis war z.B. bereits zweimal in einer Priority Clinic (einer psychotherapeutischen Klinik) und beide Male wurde dies von seinem Arbeitgeber bezahlt.

Er meint, eine Entziehungskur könne sogar Vorteile für die Karriere mitbringen. „Das hat viel Spaß gemacht. Das erste Mal bin ich mit meinem Vorgesetzten dorthin gegangen und wir haben eine enge Bindung entwickelt und sind sogar beste Freunde geworden.“ Falls einen so etwas in den Finanzdienstleistungen voranbringt, dann freue ich mich nicht dazuzugehören.

Bei dem Autor handelt es sich um einen Vater von zwei Kindern, der im noblen Londoner Viertel Notting Hill lebt. Er selbst arbeitet nicht in den Finanzdienstleistungen, allerdings kennt er eine Menge von Leuten aus der Branche.

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