☰ Menu eFinancialCareers

AUSZUG aus Jérôme Kerviels Erinnerungen: Société Générale ist die beste Bank der Welt und wir, ihre treuen Angestellten, sind die größten Trader im Markt

Im Januar 2008 hat Jérôme Kerviel Börsengeschichte geschrieben, indem der junge französische Trader seinem Arbeitgeber, der Großbank Société Générale, einen Verlust von rund 5 Mrd. Euro einbrockte. Am heutigen Dienstag (5. Oktober) soll in seinem Prozess das Urteil fallen.

Kerviel hat seine Erfahrungen in einem Buch niedergeschrieben: “Das Räderwerk. Erinnerungen eines Traders” (L’Engrenage. Mémoires d’un trader), das bei Flammarion in Paris erschienen ist. Hier ein Auszug:

Eines Freitagabends sind wir mit Leihwagen nach Deauville gefahren – 500 bis 600 Mitarbeiter der Derivate-Abteilung. Davon waren 400 Franzosen und 200 Ausländer, wobei es sich hauptsächlich um Kollegen aus dem Trading handelte.

Das “Palace Royal” war für uns reserviert. Die Société Générale geizt nicht bei den Ausgaben für ihre Trader. Nach einem Essen und einem ruhigen Abend, einem Spaziergang, einem Stadtbummel, und einem Umtrunk an der Hotelbar haben wir dort unsere erste Nacht verbracht in Erwartung der großen Ereignisse am folgenden Tag.

Da ich die kollektive und erzwungene Fröhlichkeit hasse, bin ich nicht enttäuscht gewesen. Zunächst wurden wir zu verschiedenen Spielen eingeladen, danach zu einer Rallye, die mit mysteriösen Fragen über die Stadt gespickt war. An das abendliche Diner schloss sich ein Privatkonzert von Yannik Noah an.

Darauf folgte das große Besäufnis, der organisierte Stressabbau. Sketche, Lieder und Einakter folgten aufeinander zur großen Freude der Teilnehmer im einer heiteren Atmosphäre, die der Alkohol noch beflügelte.

Wie die übrigen wurde ich von dieser Atmosphäre mitgerissen, indem ich wild über die zweifelhaften Späßchen, die schwerfälligen Karikaturen und die schweren Aufgaben lachte, bei denen ich assistierte.

Im Rückblick und nachdem ich das Video von jenem Abend gesehen habe, schlage ich die Arme über dem Kopf zusammen. Jeder hat sich gemäß seiner Rolle benommen, die Kunden, die Wettbewerber und unsere Manager selbst, deren Defizite und kleinen Macken ins Lächerliche gezogen wurden. All das hat die Société Générale nicht davon abgehalten, die beste Bank der Welt zu sein und wir, ihre treuen Mitarbeiter, waren die größten Trader im Markt.

Die Sketche und Lieder drehten sich immer um die gleichen Themen: Sex, Performance und Boni. Christoph Mianné, der zusammen mit Luc François für den Handelssaal verantwortlich war, hat sich herzlich über die Parodie seines eigenen Vorstellungsgesprächs amüsiert. Auf die Frage “Was interessiert Sie am Finanzgeschäft?” antwortete die Person, die ihn verkörperte, ohne zu zögern und in allergrößter Ruhe: “Die Kohle”. Darauf brach der Saal in ein Freudengeheul aus.

Die Chefin des Risikomanagements, die wusste, wovon sie sprach, sang schmachtend: “Wir gehen mehr Risiken ein, als das Gesetz erlaubt…” In einem anderen Sketch führte der Vertriebschef ein Hütchenspiel vor. “Meine Damen und Herren, es geht für Sie und die Kunden darum, die Marge zu finden… Wohin ist sie bloß verschwunden? Weder hier, noch dort, … Ah! Sie befindet sich in meiner Tasche.” Das Gelächter ging in Hysterie über. Die Lieder machten auch nicht vor den Chefs halt. “Falls es Dir gefällt, den Baron zu spielen, dann schaff Dir doch einen bonbonfarbenen Porsche an.”

Die Schleusentore waren alle weit geöffnet, ein Tabu fiel nach dem anderen. Der große Boss unseres Handelssaals, Luc François höchst persönlich, lachte aus voller Kehle.

Kommentare (0)

Comments

Ihr Kommentar wird gerade geprüft. Nach erfolgreicher Prüfung wird es live gestellt.

Antworten

Pseudonym

E-Mail

Alle Informationen zu unseren Community-Richtlinien finden Sie hier