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Jobmotor Regulierung: Wie Frankfurt zur europäischen Aufsichtshauptstadt avanciert

Auch die Occupy-Bewegung hat Frankfurt entdeckt. (Foto: Getty Images)

Auch die Occupy-Bewegung hat Frankfurt entdeckt. (Foto: Getty Images)

Kaum ein Finanzplatz scheint so von dem Regulierungswahn zu profitieren wie Frankfurt. Laut einer neuen Studie des Helaba-Research avanciere die Mainmetropole „nun endgültig zur Hauptstadt des europäischen Aufsichtswesens.“ Schon heute sind bereits diverse nationale und internationale Aufsichtsbehörden in Frankfurt angesiedelt und sämtliche verzeichnen einen kräftigen Personalaufbau.

Die hohe Dichte an Aufsichtsbehörden steigere auch den Reiz Frankfurts für Banken und andere Finanzdienstleister. „Aufgrund der räumlichen Nähe ist ein reger Austausch zwischen den verschiedenen Institutionen untereinander und auch mit den zahlreichen in- und ausländischen Finanzinstituten am Finanzstandort Frankfurt möglich“, schreiben die Helaba-Volkswirte. „Nah dran zu sein an den relevanten Entscheidungsprozessen und ‚en passant‘ Kontakte pflegen zu können, erhöht für Finanzinstitute den Anreiz, in Frankfurt präsent zu sein.“ Zum Personalaufbau macht das Helaba-Research folgende Rechnung auf:

Bundesbank zieht sich aus der Fläche zurück und konzentriert sich am Hauptsitz

Im Regulierungsgeflecht obliege der Bundesbank die Prüfung der Solvenz, Liquidität und Risikosteuerung der deutschen Institute, schreibt die Helaba. Dabei hat die Bundesbank kurz nach der Jahrtausendwende beispiellos auf die Kostenbremse getreten. Die Mitarbeiterzahl stürzte von über 14.000 in 2002 um rund ein Drittel auf etwa 10.300 in 2013 ab. Währenddessen hat die Zentralbank die Zahl ihrer Filialen um rund zwei Drittel auf gut 40 zurückgefahren. Doch der Rückzug aus der Fläche kam der Zentrale zugute, wo die Mitarbeiterzahl im gleichen Zeitraum um 19 Prozent kletterte. Hauptverantwortlich für die Entwicklung war der Ausbau der Aufsichtsfunktionen. Etwa 40 Prozent der „knapp 1300 Bankenaufseher der Bundesbank“ seien in Frankfurt tätig.

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BaFin zählt 70 Prozent mehr Mitarbeiter in Frankfurt

Die BaFin ist in 2002 aus der Zusammenlegung von Banken-, Versicherungs- und Wertpapieraufsicht hervorgegangen. Auch dort zeigt die Beschäftigung steil nach oben. Dumm nur, dass der Hauptsitz der BaFin in Bonn ist. Dennoch sei die Mitarbeiterzahl in den fünf Jahren seit der Finanzkrise um 70 Prozent gestiegen.

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FMSA: „Feuerwehr“ zählt mittlerweile 70 Angestellte

Nachdem die Pleite der US-Investmentbank Lehman-Brothers im September 2008 ein finanzielles Erdbeben ins weltweite Finanzsystem aussandte, gründete der Bundestag bereits im Oktober die Bundesanstalt für Finanzmarktstabilisierung (FMSA) die über den Fonds SoFFin strauchelnde deutsche Banken refinanzierte. Eigentlich nur als befristetes Vehikel gedacht, wuchs hier die Beschäftigung binnen fünf Jahren von 20 auf 70 Beschäftigte. Die Helaba schreibt hierzu: „Einst als ‚Feuerwehr‘ für Finanzinstitute ins Leben gerufen, bekam sie nun die längerfristige Aufgabe, den mittels der Bankenabgabe finanzierten Restrukturierungsfonds zu verwalten. Dieser Rettungsfonds soll mit insgesamt 70 Mrd. Euro ausgestattet und künftig zur Sanierung gefährdeter systemrelevanter Banken eingesetzt werden.“ Die Arbeitsplätze scheinen somit auf absehbare Zeit gesichert zu sein.

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Die europäischen Versicherungen werden von Frankfurt aus kontrolliert

In 2011 schuf die EU drei neue Behörden: Die Europäische Bankenaufsicht in London, die Europäische Wertpapieraufsicht in Paris sowie die Europäische Versicherungsaufsicht (EIOPA) in Frankfurt. Innerhalb der rund zwei Jahre ihres Bestehens hat sich die Mitarbeiterzahl bis Ende 2013 auf 110 Fachleute vervierfacht.

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Stellenmotor EZB

Den größten Stellenmotor in der Mainmetropole stellt jedoch zweifelsfrei die Europäische Zentralbank (EZB) dar. Die Super-Zentralbank hat in 1998 mit gerade einmal 500 Mitarbeitern angefangen – jetzt beschäftigt die EZB hingegen annähernd 2000 Mitarbeiter. Und es sollen noch 1000 Stellen bis Herbst hinzukommen – 770 für die zentrale europäische Bankenaufsicht und 230 für Supportfunktionen. Der opulente Neubau im Frankfurter Ostend erweist sich somit bereits vor dem Bezug als zu klein bemessen.

Die Helaba-Volkswirte gehen davon aus, dass das Gros dieser Mitarbeiter von den anderen Zentralbanken des Eurosystems kommen werde. „Darüber hinaus spielt auch das Gehaltsniveau in den einzelnen Ländern in Relation zum EZB-Angebot eine nicht zu vernachlässigende Rolle“, schreibt das Helaba-Research. Im Klartext bedeutet dies: Desto ärmer das Herkunftsland, desto verlockender ist ein Job bei der EZB. „Grundsätzlich sind die Konditionen für viele attraktiv, das Gehalt liegt beispielsweise für Experten bei rund 100.000 Euro im Jahr zuzüglich Zulagen und Zuschüssen. Außerdem ist die Steuer- und Abgabenlast für EU-Personal gering.“

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Doch wer bezahlt den Stellensegen?

Der massive Stellenaufbau im Frankfurter Regulierungsgeschäft kennt natürlich auch Verlierer: nämlich Banken und andere Finanzdienstleister, die im Regelfall über Umlagen oder Gebühren den Stellenaufbau finanzieren müssen. Darüber hinaus müssen die Banken auch noch selbst massiv ins eigene Compliance-Personal investieren. Damit sind dem weiteren Ausbau der Aufsichtsmetropole Frankfurt empfindliche Grenzen gesetzt.

„Bei aller Freude über die zunehmende Ansiedelung von Regulierungs- und Aufsichtsbehörden in Frankfurt bleibt zu bedenken, dass dies nur dann ein Gewinn sein wird, wenn es zu einer Regulierung mit Augenmaß kommt“, warnt das Helaba-Research. „Würden die Finanzinstitute ‚zu Tode‘ reguliert, wäre die Aufsicht auch nur eine leere Hülle.“

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