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Karrierevorteil Gentleman: Was gute Kleidung für den beruflichen Erfolg bedeutet

Sharp

Es ist Ende Juli in Cambridge  und den Touristenschwärmen bietet sich ein seltenes Schauspiel. Es handelt sich um den „Graduation Day“ und die Studenten vollziehen eine Prozession von ihren Colleges durch die mit Kopfsteinen gepflasterten Straßen der Innenstadt hin zum Senatshaus, wo sie ihre Abschlussurkunden empfangen, die ihnen den Zugang zu den höchsten Kreisen der britischen Gesellschaft gewähren. Für das ungeübte Auge erscheinen die Talare sämtlich gleich auszusehen. Irgendwie ähneln alle den Zaubermänteln aus Harry Potter. Doch die Unterschiede sind kompliziert und nahezu endlos.

Wer nicht an einer altehrwürdigen britischen Uni studiert hat, dem sei gesagt: Ein Talar muss zu den förmlichen Anlässen getragen werden, wobei es subtile Unterschiede gibt. Eine Schleife hier und ein Zopf dort. Bei der Graduierung und bei der Immatrikulation verrät die Art des Talars und der Haube den jeweiligen Abschluss wie BSc, BA, Mphil, MLitt, MusD usf. sowie das Studienfach. Sobald jemand an der über 800jährigen Universität eine Promotion erworben hat, dann muss der Doktor-Talar angelegt werden: ein purpurner Seidentalar mit einem ulkigen goldbesetzten Hut.

Kleider machen Leute

Die Regel, dass Kleidung einiges über den Beruf und sozialen Status verrät, hat die britische Gesellschaft über Jahrhunderte wie keine zweite geprägt. Für einige der männlichen Studenten enden derartige Traditionen mit dem Examenstag. Doch für andere stellen die subtilen Regeln, wie sich ein Gentleman zu kleiden hat, eine Lebensaufgabe dar. Die Regeln kennen aber nur Auserwählte. Doch gerade die Eingeweihten zählen oftmals zu den einflussreichsten Persönlichkeiten der britischen Gesellschaft.

„Wie sich ein Mann kleidet, sagt einiges über seinen sozialen Status und sein Ansehen in der Gemeinschaft aus“, sagt Michael Donovan, der als Maßschneider  bei Ede and Ravenscroft in Cambridge arbeitet. Der 73jährige zählt zu den bestgekleideten Männern, die nur denkbar sind – mit schlankem Körperbau und gepflegtem weißem Haar. Er huscht mit seinem Maßband immer noch wie ein 30jähriger durch das Geschäft. „Wenn Sie einen Mann mit einem gut geschnittenen Anzug sehen, dann hat er entweder Klasse, Geld oder beides“, sagt Donovan.

Ede and Ravenscroft, gegründet 1689, beansprucht für sich die älteste existierende Schneiderei der Welt zu sein. Das Unternehmen darf sich offiziell Schneider der Queen, Prince Philipps und des Prince of Wales nennen. Mit Geschäften in Oxford, Cambridge, London und Edinburgh kleidet die Firma die britische Oberschicht ein – von ihrer Studienzeit an den nobelsten Universitäten des Landes bis sie es in den obersten Gerichtshof, das House of Lords oder aber das ganz große Geschäft geschafft haben.

Dabei handelt es sich bei den Finanzdienstleistungen noch geradezu um einen Parvenü unter den Berufsfeldern, die für einen Gentleman angemessen sind. Für Leute mit nobler Herkunft und Geld galten Handel und Geschäft lange Zeit als ungehörige Art und Weise, sein Geld zu verdienen. Doch mit dem Aufstieg der Hochfinanz hat sich die Einstellung gewandelt und ein Banker, der etwas auf sich hält, muss mittlerweile ebenfalls wie ein Gentleman gekleidet sein.

Ein wahrer Gentleman achtet auf die kleinsten Details

„Es handelt sich um die kleinen Dinge, die den Unterschied ausmachen – Krawatten, Einstecktücher und Verzierungen“, erläutert Martin Blighty, Mitinhaber der Maßschneiderei Peckham Rye. Unter „Rye“ wird im Cockney-Englisch „Krawatte“ verstanden. Und sein Geschäft ist eben auf diese Kleinigkeiten spezialisiert. Angesiedelt in der noblen Carnaby Street in Zentrallondon ist der kleine Laden randvoll mit perfekt präsentierten Krawatten, Socken und Einstecktüchern. Jeder freie Fleck an der Wand ist mit Familienfotos geschmückt – von sechs Generationen an Schneidern sowie von Ausschnitten aus der Gesellschaftszeitschrift Private Eye Magazine.

Wer die passende Kleidung trägt, von dem nehmen die richtigen Leute Notiz, sagt Blighty. „Wenn Sie zu einer Vorlage von Geschäftszahlen gehen, dann trägt die gesamte Geschäftsleitung gute Anzüge. Und ich kann garantieren: Sobald das Meeting vorüber ist, werden die gut angezogenen Leute um einander kreisen. Wer gut gekleidet ist, dessen Fragen werden beantwortet. Es handelt sich um eine subtile Form der Kommunikation“, ergänzt Blighty.

„Die Manager von Großunternehmen stammen häufig aus sehr guten Familien und sie sind geübt, derartige Dinge zu registrieren“, sagt er. „Jemand mag ja in seinem Beruf brillant sein. Aber wenn seine Socken die falsche Farbe haben, dann werden sie rasch übersehen.“

Jeder moderne Gentleman sollte nach wie vor zumindest einen Zweireiher besitzen, zwei oder drei gewöhnliche Anzüge, einen Blazer, ein Sportjackett sowie einen Mantel, meint Blighty. „Die meisten Gentleman, die in meinen Laden kommen, verfügen über ein solches Arsenal.“

Peckham Rye kleidet die Größen der Hochfinanz seit Jahrzehnten ein. Als Citicorp und Travelers Group in 1998 fusionierten, hat Peckham Rye die Gedächtnis-Krawatten geliefert. „Der Trick besteht darin, sich immer ein wenig besser als seine Lebenssituation zu kleiden. Auf diese Weise werden die Leute niemals geringschätzig von Ihnen denken“, erläutert Blighty. „Das hat mich schon mein Großvater gelehrt.“

Ein unordentlicher Auftritt

Ein Gentleman-Banker sollte sich mit zweifarbigen Krawatten begnügen, empfiehlt Blighty, sowie einem weißen Einstecktuch in der oberen Tasche, einer kleinen Krawattennadel, einem weißen Hemd und einem dunkelblauen oder anthrazitfarbenem Anzug. „Sie sollten dunkle Schnürschuhe tragen, aber niemals mit Mustern – dabei handelt es sich um Country-Schuhe – obgleich es ok ist, wenn das Muster dezent ausfällt und sie poliert sind.“ Blighty empfiehlt Bankern, keinen Zweireiher bei der Arbeit zu tragen: „Sie sind für das Büro ein wenig zu modisch.“ Sie passen eher zu Leuten, die in Marketing oder Sales arbeiten.

Einen besonderen Faux Pas stellen natürlich unpassende Anzüge dar. „Die meisten Herren scheinen im Hinterkopf zu haben, dass ihre Kleidergröße um eine Nummer höher ausfällt. Jeder will größer sein als er tatsächlich ist.“ Selbst ein teurer Anzug sieht schlecht aus, wenn er nicht wirklich passt, meint Blighty. „Nicht passende Kleidung sieht ungepflegt aus. Es ist wichtig, dass jemand um 9 Uhr genauso gut wie um 21 Uhr aussieht.“

Blighty erzählt, dass er auch regelmäßig für Vorstellungsgespräche um Rat gefragt wird. Demnach sollten Kandidaten mit einem dunkelblauen oder anthrazitfarbenen Anzug und einer passenden Krawatte beginnen. „Sie können entweder eine Krawatte in der gleichen oder in einer kontrastierenden Farbe wählen. Zu einem marineblauen Anzug können Sie entweder eine blaue oder eine weinrote Krawatte tragen, die einen Kontrast zum Blau darstellt.“

Laut Donovan von Ede and Ravenscroft kommt Schuhen allergrößte Bedeutung zu: „Sie müssen sauber, poliert und glänzend sein.“ Die Hose muss eine tadellose Buntfalte aufweisen und es lohnt sich meist, die Hose vor einem Vorstellungsgespräch professionell bügeln zu lassen. „Füllen Sie Ihre Taschen nicht mit Notizbüchern oder Zigarettenschachteln“, warnt Donovan. „Auch wenn die Taschen dafür da sind, benutzt zu werden, sehen Sie besser aus, wenn sie leer sind.“ Es sei wichtig, niemals prätentiös auszusehen. „Für ein Vorstellungsgespräch brauchen Sie etwas Klassisches, Ordentliches und Sauberes – nichts was zu laut wirkt. Wenn Sie sich für Streifen entscheiden, dann sollte es sich um sehr dezente Streifen handeln, nicht um einfache kreideweiße Streifen oder ähnliches“, rät Donovan.

Networking wie ein Gentleman

Ein wahrer Gentleman kleidet sich auch außerhalb seines beruflichen Umfelds gut. Mithin fallen die Regeln für die Freizeitkleidung ähnlich spitzfindig aus. Für den Besuch einer Sommerparty empfiehlt Donovan einen cremefarbenen oder zartgrünen Anzug. Bei jedem Muster gilt es, Vorsicht walten zu lassen. „Einige Leute können ganz gut ein leichtes Muster tragen. Doch wenn Sie sich für ein großes Muster entscheiden, dann müssen Sie auch eine große Persönlichkeit sein“, sagt Donovan.

Je nachdem, ob Sie sich in der Stadt oder auf dem Lande aufhalten, sollten unterschiedliche Farben getragen werden. „Beige-, Grün- und Brauntöne werden auf dem Lande in Abstimmung mit Ihrer Umgebung getragen“, erläutert Donovan. „In der Stadt tragen Sie Marineblau oder Dunkelgrau und Beigetöne im Sommer.“ Sie würden auf einem Bauernhof ja auch nicht in einem Nadelstreifenanzug herumlaufen. In einem Tweetjackett fallen Sie in der Stadt ebenfalls auf, meint Donovan. „Dennoch machen es die Leute. Es ist schon erstaunlich, was die Leute heutzutage alles machen.“

Blighty erzählt, dass er auch oft vor Dates um Rat gefragt wird. „Das hängt ganz von dem Wochentag ab“, lautet seine Empfehlung. „Falls das Date an einem Mittwoch stattfindet, dann empfehle ich ein offenes Hemd und ein Einstecktuch in der obersten Tasche. Falls es an einem Samstag stattfindet, dann rate ich zu einem geknoteten Schal – ein wenig im Stil von Mick Jagger. Sie wollen zeigen, dass Sie ein Leben haben.“

Donovan und Blighty beklagen unisono die sinkende Bedeutung der guten Kleidung in der Massenkultur. „Wenn Sie sich alte Filme ansehen, dann haben die Leute damals viel mehr Wert auf ihr Aussehen gelegt. Heute ist alles viel lässiger“, klagt Donovan. Beide haben den Wandel ihrer Branche selbst miterlebt. „Als ich angefangen habe, gab es noch acht renommierte Schneider in Cambridge“, erzählt Donovan. „Heute gibt es nur noch uns.“

Doch die Schneider, die den Niedergang der Branche in den zurückliegenden Jahrzehnten überstanden haben, sind mittlerweile in einer komfortablen Situation. Denn in den oberen Kreisen der britischen Gesellschaft sind ihre Dienstleistungen auch weiterhin gefragt. Um dazu zu gehören, spielt die passende Kleidung eine entscheidende Rolle, so wie es schon immer gewesen ist.

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