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Young Money – oder wie ein Bankerleben an der Wall Street tatsächlich aussieht

Young Money

Journalist Kevin Roose vom „New York Magazine“ hat ein neues Buch geschrieben: „Young Money“. Darin begleitet er acht tatsächlich existierende junge Banker während ihrer ersten drei Jahre an der Wall Street. Die meisten arbeiten in der Investment Banking Division. Doch die Arbeit dort erweist sich keinesfalls als Zuckerschlecken.

Bei „Young Money“ handelt es sich nicht um eine neue Version der Autobiografie „Wall Street Poker“ von Michael Lewis. Denn Roose hat niemals selbst an der Wall Street gearbeitet und auch nicht die überschwenglichen Zeiten des Investmentbankings miterlebt, als viele es so richtig krachen ließen. Das Buch wird am 18. Februar veröffentlicht. Wir haben es bereits gelesen und die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst:

1. Nicht die langen Arbeitszeiten, sondern die Unvorhersagbarkeit ist tödlich

Laut Roose handelt es sich beim Banking um einen Nine-to-Five-Job: Von 9 Uhr morgens bis 5 Uhr morgens – wohlgemerkt. Einer der Analysen, die Roose begleitete, entwickelte  folgende Routine: Um 8.30 Uhr erschien er am Arbeitsplatz, arbeitete 16 bis 17 Stunden, hastete nach Hause, griff sich ein Bier und sah sich eine Folge der Fernsehserie „The Wire“ an, bevor er ins Bett ging.

Hört sich schlecht an? Das ist es auch. Aber das wirkliche Problem der Banker besteht darin, jegliche Kontrolle über ihre Arbeitszeiten zu verlieren. „Mein Leben gehört mir nicht mehr“, erzählte einer der Analysten.

Jeden Tag hänge ein Analyst an der Wall Street von dem Wohlwollen eines Associates, Vice Presidents oder Managing Directors ab, und davon dass diese zu jedem Zeitpunkt jede beliebige Veränderung verlangen könne, betont Roose. Wenn irgendein Managing Director ein Balkendiagramm durch ein Liniendiagramm auf Seite 6 einer Präsentation um 3 Uhr morgens ersetzt haben will, dann springt ein guter Analyst auf und legt los.

2. Die meisten Leute im Banking wollten ursprünglich gar keine Banker werden

Die meisten Personen, die Roose begleitete, wollten ursprünglich keine Banker werden. Vielmehr wollten Sie Ärzte werden, ein Familienunternehmen mit einer Reihe von Lebensmittelgeschäften führen, im Ingenieurswesen arbeiten oder nachhaltige Stadtplanung betreiben. Sie gerieten ins Banking, weil sie sich selbst oder ihrer Familie etwas beweisen wollten oder weil einige Leute dachten, dass sie es niemals ins Banking schaffen würden. In anderen Fällen winkte das viele Geld, das so mancher Job im Banking mitbringt, just zu einem Zeitpunkt, als sie es brauchten.

3. Die Arbeit ist schlimmer, als man es sich vorstellen kann

Wenn Sie ein Analyst sind, dann kommt Ihnen die Wall Street vor, als sei sie voller Pedanten. Eine Analystin erhielt ein Projekt von ihrem Vorgesetzten mit der Bemerkung zurück, dass sie bitte die Zahl „2“ durch „zwei“ ersetzen möchte und dass die Zahlen entlang der ersten und nicht der letzten Ziffer ausgerichtet sein sollten.

Roose, der während seiner Recherche selbst einen Kurs in Financial Modelling besuchte, vergleicht die Arbeit an Finanzmodellen mittel Excel mit der Arbeit in einer Fabrik für Weihnachtsschmuck. Man weiß, dass eine einzige defekte Birne in der Lichterkette zum Ausfall aller anderen führt. Ein Fehler im Modell macht die gesamte Arbeit zunichte.

4. Die Persönlichkeit verändert sich

„Ich bin von Natur aus eine optimistische, positive und glückliche Person. Doch ich stelle fest, dass ich selbst immer verbitterter und negativer werde“, erzählte ein Analyst.

„Er begann bei Goldman Sachs als ein leise sprechender, intellektueller junger Mann“, berichtet Roose von einem anderen seiner Analysten. „Aber in weniger als zwei Jahren hat er ein weitaus ungeduldigeres Temperament entwickelt und war schnell dabei, auf die Fehler anderer in oft verletzender Art hinzuweisen. Er war immer noch in der Lage, sich bei seinen Vorgesetzten einzuschmeicheln, aber er hatte wenig Geduld mit Leuten, vor deren Intelligenz er keinen Respekt empfand.

Nach einem Jahr in der Branche begannen die jungen Banker laut Roose anders zu sprechen. Ihre Ausdrucksweise wurde mit Fachjargon wie „Top Tick“ gewürzt und sie sprachen von ihrem Arbeitgeber als „wir“.

5. Alles dreht sich ums Geld

Einer der Analysten erzählt von einem Treffen mit einem Managing Director von Goldman Sachs (Graham Campbell), der ihm angeblich erzählte: „Du weißt, wenn es Dir nicht hauptsächlich ums Geld geht, dann solltest Du gehen.“

6. Analysten verlieren Kontakt zu Freunden außerhalb des Bankings

Das Buch von Roose ist geradezu einen Katalog gescheiterter Beziehungen, absterbender Freundschaften und der wachsenden Obsession mit langen Arbeitszeiten. Die endlosen Arbeitszeiten in der Investment Banking Division seien Teil eines „großen, unausgesprochenen Sozialvertrags“, meint Roose. „Um voll dazuzugehören, muss sich der Analysten im ersten Jahr neue Prioritäten setzen, und die der Bank gegen seine eigenen austauschen.“

Ein Analyst erzählte, dass er den Kontakt zu den Freunden aus seiner Unizeit verliere, weil diese es sich nicht leisten könnten, ihre Freizeit an den gleichen Orten wie er zu verbringen. Ein anderer war sowohl beruflich als auch privat so tief in die Bankenwelt eingetaucht, dass er sogar in ein Apartmenthaus einzog, in dem viele andere junge Analysten wohnten.

7. Analysten werden schnell fett

Von einem Analysten erzählt Roose: „Nach fünf Monaten im ersten Analystenjahr hatte er bereits 15 Pfund zugelegt, was auf seine sitzende Tätigkeit zurückging und daran lag, dass er sieben Tage die Woche Malzeiten aus Restaurants an seinem Desk verzehrte. Seine Augen waren müde, sein Gesicht farblos und blass.“

8. Nur vier Arten von Menschen sind für eine Finanzkarriere geeignet

Aufgrund seiner Beobachtungen kommt Roose zu dem Schluss, dass auf lange Sicht nur wenige Menschentypen an der Wall Street arbeiten:

Die Gewohnheitsmäßigen: Diese Leute sind ins Banking gegangen, weil es schon ihre Eltern, Geschwister oder Freunde taten. Der für Banker übliche Lebensstil spielt für sie eine große Rolle und viele von ihnen arbeiten für Hedgefonds oder Private Equity-Fonds.

Die Lokomotiven: Dabei handelt es sich um Menschen, die als Außenseiter an der Wall Street anfingen. Sie stammen aus Mittel- oder Unterklasse-Milieus und wollen durch die Arbeit bei Finanzdienstleistern für sich selbst und ihre Familien den Aufstieg schaffen. Sie arbeiten in den Finanzdienstleistungen des lieben Geldes wegen.

Die Streber: Diese blühen bei Tempo und Aufregung auf. Sie sind abhängig von Glückshormonen und Adrenalinstößen, wie sie die Finanzdienstleistungen verheißen. Vielleicht haben sie sich bereits an der Uni intensiv sportlich betätigt. Für diesen Menschenschlag ist Geld nichts anderes als eine Scorecard.

Die Freaks: Dabei handelt es sich um Leute, die von den Turbulenzen an den Märkten fasziniert sind, die sich von Dingen wie Anleiheprospekten entzücken lassen und vom Deal ihres Lebens träumen.

9. Leute, die es nicht schaffen, enden als „In-Betweener“

Laut Roose beginnen viele Menschen eine Karriere im Banking, weil es sich um eine sichere Laufbahn handelt und ihnen an der Uni keine Alternative in den Sinn kam. Sie stammen nicht aus armen Verhältnissen, verfügen jedoch nicht über die finanzielle Absicherung wohlhabender Familien, die ihnen eine abenteuerliche und kreative Arbeit ermöglichen. Sobald sie im Banking angefangen haben, lernen sie die hohe Arbeitsbelastung und die oft langweiligen Tätigkeiten kennen und leiden unter feindlich gesinnten Vorgesetzten, die aufgehört haben, Anreize an ethischen Kriterien auszurichten.

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