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Rock’n‘ Roll statt Karriere: Wie aus hochbezahlten Bankern gering bezahlte Musiker werden

Martyn Shone bei einem Life-Auftritt in London.

Martyn Shone bei einem Life-Auftritt in London.

Während viele seiner ehemaligen Kollegen auf dem Höhepunkt der Finanzkrise um ihren Job bangten, befand sich der ehemalige Credit Suisse-Vice President Martyn Shone mit seiner Folk-Musik-Truppe „Honey Ryder“ bereits auf einer Welttournee.

Shone verbrachte neun Jahre als Banker in der Londoner City. Doch nur wenige seiner damaligen Kollegen ahnten, was Shone in seiner Freizeit trieb. Durch die Geheimniskrämerei habe er seinen „professionellen Status“ gewahrt, sagt Shone heute. „Ich war an dem Punkt angelangt, dass ich am Montagmorgen erzählt habe, dass ich am Wochenende meine Wohnung renoviert habe, während ich tatsächlich gerade von einem Auftritt in Moskau samt einer protzigen Party zurückgekommen war.“

In 2008 gab Shone das Banking auf, um sich vollständig seiner Musik widmen zu können und seine Gruppe veröffentlichte ihr Debütalbum „Rising Up“ in 2009. Honey Rider war recht erfolgreich und gelangte mit zwei Singles sogar in die Top-40 der britischen Charts. Und jetzt bereiten sie die Tour für ihr zweites Album „Marley’s Chains“ vor, das im vergangenen Jahr veröffentlicht worden ist. Allerdings wird Shone nicht mit von der Partie sein.

Denn er ist wieder in die Londoner City zurückgekehrt. Shone begann seine Karriere als Change Manager bei der Royal Bank of Scotland und arbeitet heute als Program Manager bei der Lloyds Banking Group. „Es ist sehr schwierig, im Musikgeschäft genug für ein anständiges Leben zu verdienen und die meisten Musiker befinden sich am Existenzminimum“, erzählt Shone. „Wir sind in den ersten Jahren alle zurechtgekommen. Doch nachdem ich Vater geworden bin, benötigte ich ein regelmäßiges Einkommen.“

Dennoch hat Shone dem Rock and Roll nicht völlig den Rücken gekehrt. „In der vergangenen Woche hat mich mein Team dazu gebracht, auf der Weihnachtsparty zu singen“, erzählt Shone.

Das langweilige Leben eines Corporate Bankers

Kreativität wird in den Finanzdienstleistungen nicht gerade gefördert. Shone hat zwölf Stunden bei der Credit Suisse im Londoner Stadtteil Canary Wharf unweit der City gearbeitet. Anschließend sprang er in die U-Bahn, um am anderen Ende der britischen Metropole – noch in seiner Bürokleidung – einen Song aufzunehmen. Von all dem ahnte sein Team damals nichts. Wer an ein fettes Gehalt gewöhnt ist, dem fällt es erst recht schwer, dies alles für ein Leben als Musiker aufzugeben, meint Shone.

Doch es gibt auch andere Fälle. So gab Stephen Ridley seine Bankingkarriere nach 17 Monaten bei der UBS in 2012 für eine Solokarriere als Musiker auf. Ridley will nicht mehr zurückblicken. Er musste sich gegen hunderte von Hochschulabsolventen durchsetzen, um eine Einstiegsposition im Investmentbanking zu ergattern. Dabei hatte Ridley den üblichen Werdegang hinter sich: einen erstklassigen Abschluss einer renommierten Uni, ein Sommerpraktikum sowie eine Reihe akademischer Auszeichnungen.

Dennoch bedauert er nichts. „Ich habe mir den Arsch aufgerissen, um in einem Top-Team bei einer Top-Bank anzufangen. Aber ehrlich gesagt, wusste ich nicht genau, was ich wollte. Als ich es schließlich doch herausfand, war ich ungeheuerlich enttäuscht“, ergänzt Ridley. „Ich hätte sagen können, ich habe hart gearbeitet, um mir das Bett zu machen, also sollte ich mich auch hineinlegen. Aber für mich erschien dies unsinnig. Behaltet das Bett, ich finde etwas Besseres für mich.“

Das Investmentbanking verspricht elitären Studenten viel. Tatsächlich bietet es aber wenig Befriedigung, sagt Ridley.

„Für risikoscheue Leute handelt es sich um den leichtesten Weg, um überdurchschnittlich viel Geld zu verdienen, indem sie endlose Arbeitszeiten mit flüchtigen und öden Aufgaben verbringen“, sagt Ridley. „Das hätte für mich nie funktioniert. Für mich ist Corporate Finance nur langweilig. Ich will ein abwechslungsreiches und farbiges Leben. Ich schätze viele meiner ehemaligen Kollegen als Menschen; ich bewundere sie nur nicht. Ich bewundere kreative Menschen: Künstler, Unternehmer, Bohemiens, Menschenfreunde und Leute, die ihr Leben opfern, um anderen zu helfen. So möchte ich sein. Nicht nur ein ‚Young Professional‘.“

Vom sechsstelligen Gehalt zum Existenzminimum

Mit 35 Jahren hatte es Anthony Marber in den Finanzdienstleistungen geschafft. Damals entschied er sich seine Karriere aufzugeben, um Opernbariton zu werden. 1993 hatte er bereits neun Jahre bei Mercury Asset Management hinter sich, welches in 1997 von Merrill Lynch übernommen wurde. Damals war Marber Managing Director mit einem sechsstelligen Gehalt. In 1994 gründete er den CTA Hedge Fund, der nach nur 18 Monaten wieder eingestellt wurde. Als er dann auch noch einen „fantastischen“ Gesangslehrer fand, entschloss er sich, professioneller Opernsänger zu werden.

„Ich habe mir eine neue Wohnung in der City mit einer großartigen Akustik gekauft. Bis dahin habe ich in den Häusern von Freunden geübt. Ich habe mir einen Agenten zugelegt, einen fantastischen Lehrer und mir ist es gelungen, einen ersten Profivertrag zu erhalten“, sagt Ridley. „Ich entschied, sämtliche Briefe von Headhuntern beiseite zu legen und mich meiner Opernkarriere zu widmen.“

Entscheidend sei es, ein Dach über dem Kopf zu haben und ein „bescheidenes Eigenkapital“ mitzubringen. Dies sollte er auch brauchen. Obgleich Marber zwischen 1995 und 2003 regelmäßig Engagements erhielt – er sang sogar die Hauptrollen in der Oper „Pellias und Melisande“  an der Nationale Reisopera in den Niederlanden –  hat er pro Jahr nur 17.000 bis 18.000 Pfund verdient. „Ich habe viele wundervolle Menschen kennengelernt, die in einem sehr umkämpften Arbeitsmarkt zurechtkommen mussten und die bei den wenigen Opern vorsingen mussten.“

Im Laufe der Jahre machte Marber auch eine Reihe an „saukomischen“ Erfahrungen. So musste er während einer Aufführung sein Kostüm wechseln und als er sich bis auf die Unterhose entkleidet hatte, war plötzlich sein Outfit verschwunden. Er war gezwungen, in seiner Unterwäsche hinter einem Vorhang zu singen, während die Crew verzweifelt nach dem Kostüm suchte.

Doch später erlag Marber wieder den Verlockungen der City und begann in 2003 beim Hedgefonds Marshall Wace, wo er heute für Marketing und Investor Relations zuständig ist. „Es schien gerade zum richtigen Zeitpunkt zu kommen. Marshall Wace war ein aufregendes, wachsendes Unternehmen und voller ganz anderer Charaktere im Vergleich zu den Leuten, die ich während meiner Zeit in der City kennengelernt hatte. Ich hatte eine Lücke zwischen meinen Engagements und im Alter von 44 fragte ich mich, ob ich mir in Zukunft noch mehr solcher Lücken leisten könne. Einige alte Freunde aus dem Banking hatten überdies ihre Jobs verloren. So erschien es mir falsch, die Chance abzulehnen.“

Heute singt Marber nicht mehr – abgesehen von familiären Anlässen. „Es ist ein wenig wie bei einem Leistungssportler. Sie müssen Ihre Stimme trainieren, um an der Spitze mitspielen zu können und meine Arbeitszeiten sind zu lang, um mich damit ernsthaft zu beschäftigen.“

Unterdessen erzählt Shone, dass er wieder an Songs schreibt und gelegentlich mit Honey Ryder auf einer neuen Tour auftreten möchte.

Dagegen hat sich Ridley vollständig seiner künstlerischen Berufung hingegeben. Nicht nur dass er seinen ersten selbstproduzierten Song veröffentlich hat, er hat auch als Modell für die italienische Vogue gearbeitet und erzählt, dass er an einem Roman schreibe. Doch welche Tipps kann Ridley Gleichgesinnten mitgeben?

„Hören Sie auf, schwach zu sein. Spielen Sie nicht länger das Opfer. Sie sind nicht das Resultat Ihres Lebens. Sie tragen die Verantwortung für Ihr Leben. Irgendwann in der gar nicht allzu fernen Zukunft werden Sie sterben. Wenn Sie Glück haben, dann können Sie vorher über Ihr Leben nachdenken. Zählen Sie nicht zu den Leuten, die lieber X, Y und Z gemacht hätten“, warnt Ridley.

Bei aller finanziellen und Arbeitsplatz-Sicherheit in der Finanzbranche handle es sich lediglich um eine Illusion. „Es herrscht nur Angst; die Angst nicht genügend Geld zu generieren, das sie haben wollen oder irgendwie brauchen. Das Lustige an einem Bürojob besteht darin, dass er als sicher erscheint. Doch in Wirklichkeit ist er es nicht. Sie können ihn in jedem Augenblick verlieren. Seitdem ich gegangen bin, ist genau dies vielen Leuten widerfahren. Die einzige wirkliche Sicherheit besteht darin, dass Sie wissen, alles erarbeiten zu können, was Sie wirklich zum Leben brauchen“, sagt Ridley. „Um diese Sicherheit zu gewinnen, müssen Sie ein starkes Selbstvertrauen aufbauen.“

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