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Erstes Interview: Moritz Erhardts‘ Vater erzählt vom Tod seines Sohnes und beschuldigt die britische Regierung

Moritz Erhardt

Moritz Erhardt

Am Tag der Deutschen Einheit, dem 3. Oktober, hätte Moritz Erhardt seinen 22. Geburtstag feiern sollen. Doch diesen Freudentag sollte der Student der Privathochschule WHU in Vallendar nicht mehr erleben. Der damalige Investmentbanking-Praktikant der Bank of America Merrill Lynch wurde am 15. August tot unter seiner Dusche in einer Studentenwohnung im Ost-Londoner Stadtteil Bethnal Green aufgefunden. Nach den am heutigen Montag (7. Oktober) bekannt gegebenen Ergebnissen der gerichtsmedizinischen Untersuchung verstarb Moritz Erhardt tatsächlich an Epilepsie.

Auch sein Vater Hans-Georg Dieterle hat jetzt dem Londoner Observer erstmals ein Interview geben. Dort gibt er traurige Details über Tod seines Sohnes wieder. Während er sich mit Vorwürfen an die Bank zurückhält, kritisiert er die britische Arbeitszeitpolitik scharf.

Der Anfang einer hoffnungsvollen Karriere

Laut Dieterle sei sein Sohn immer sehr ehrgeizig gewesen, wobei es ihm nicht allein ums Geld ging. „Er wollte gut in der Welt sein“, sagt der 52jährige Psychoanalyst aus Staufen in Baden-Württemberg. Da Dieterle und seine Frau Ulrike bei der Geburt ihres Sohnes noch nicht verheiratet waren, trug Moritz Erhardt einen anderen Nachnamen.

Nach dem Abitur erhielt Moritz Erhardt sogar ein Studienplatz an der renommierten London School of Economics (LSE)  – damit schien eine außerordentliche Karriere vorgezeichnet. Moritz entschied sich hingegen für die WHU Beisheim School of Management in Vallendar bei Koblenz, weil er die hohen Kosten eines Studiums an der LSE scheute.

In 2012 folgte ein Praktikum bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG in Frankfurt. „Ich denke, er arbeitete dort wirklich hart, aber nicht so exzessiv (wie in London)“, erzählt der Vater weiter. Ein Auslandsstudium führte Moritz an die University of Michigan in den USA. Wie groß musste Moritz‘ Glück gewesen sein, als er sich gegenüber 1500 Bewerbungen durchsetzte und einen von zwei Praktikumsplätzen in der Investment Banking Division der Bank of America Merrill Lynch erhielt.

Im Juli brach er zu dem siebenwöchigen Praktikum nach London auf. Die Fahrt zum Flughafen war das letzte Mal, dass Dieterle seinen Sohn lebend sehen sollte. Noch heute löst es in ihm Verbitterung aus, dass sie sich damals über irgendwelche Nichtigkeiten stritten. Doch in London angekommen, musste Moritz sich vorkommen, als habe er es geschafft. Denn für das gerade einmal siebenwöchige Praktikum erhielt er ein Gehalt von 6000 Pfund. Und er legte sich kräftig ins Zeug, um diese Chance zu nutzen, was ihm anscheinend zum Verhängnis werden sollte.

Was damals wirklich ablief

So  soll Moritz vor seinem Tod 72 Stunden durchgearbeitet haben. Am Morgen des 15. August erschien Moritz gegen 5 Uhr in seiner Studentenwohnung im Clarendon House in Ost-London, in dem eine große Anzahl der Praktikanten der Londoner City im Sommer hausen. So mancher Banker praktiziert in London etwas, was  in der Branche als „magischer Kreisverkehr“ berüchtigt ist. Dabei fahren die Banker nach einer durchgearbeiteten Nacht gegen Morgengrauen  mit einem Taxi nachhause, duschen, ziehen sich um und springen in das wartende Taxi, um rechtzeitig zu einem neuen Arbeitstag im Büro zu erscheinen.

Jedenfalls wurde Moritz am frühen Morgen von der Überwachungskamera gefilmt, als er Clarendon House betrat. Was anschließend geschah, ist noch nicht abschließend geklärt. Als Moritz am Morgen nicht bei der Arbeit erschien, dachten seine Kollegen zunächst lediglich, dass er verschlafen habe. Nachdem Moritz auch ein Meeting um 14 Uhr versäumte, machten sich seine Kollegen doch Sorgen. Am Abend gab ein befreundeter Praktikant schließlich Alarm. Um 20.30 wurde Moritz auf dem Boden seiner Dusche gefunden, während das Wasser noch lief.

Um 6.30 Uhr klopfte es an die Tür seines Elternhauses in Staufen. Mutter Ulrike öffnete die Tür und stieß auf zwei Polizisten. „Sie wusste sofort, was geschehen war“, erzählt Dieterle, „weil sie bereits sehr besorgt war.“

Seine Eltern und seine jüngere Schwester Annalena nahmen umgehend das nächste Flugzeug nach London. Doch die Ärzte empfahlen ihnen, Moritz‘ Leiche nicht zu betrachten. „Sie erzählten uns, dass er lange Zeit unter der laufenden Dusche verbracht habe und dass ihn das ein wenig verändert habe“, sagt der Vater.

In Deutschland wäre so etwas wohl kaum vorgekommen

Dieterle berichtet, dass sein Sohn schon vorher Epilepsie-Anfälle erlitten habe. Seine Theorie zum Tod seines Sohnes: „Der Schlafmangel hat einen Anfall ausgelöst und ich denke, dass er zunächst in seinem Raum und dann unter der Dusche einen Anfall erlitten habe und dann womöglich unter der laufenden Dusche bewusstlos ertrunken ist.“ Die mittlerweile vorliegenden gerichtsmedizinischen Ergebnisse scheinen diese Theorie zu bestätigen.

Trotz des tragischen Todes seines Sohnes hegt Dieterle keinen Groll auf die Bank of America Merrill Lynch. „Ich denke, es ist im eigenen Interesse von Merrill Lynch sicherzustellen, dass solche Dinge nicht noch einmal vorkommen“, sagt Dieterle. „Aber der Arbeitsmarkt hat seine eigene Dynamik. Im Kontext der Globalisierung ist Merrill Lynch nur ein kleiner Player und es muss sich etwas ändern. Ich hoffe wirklich, dass die britische Regierung jetzt beginnt, die Arbeitszeit- und Arbeitsmarkt-Gesetze zu verändern. In Deutschland hat jeder das Recht, sich zwischen zwei Schichten auszuruhen – vom Lastwagenfahrer bis zum Chirurg.“

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