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Kolumne: Über die Arroganz des Front Office – aus Sicht des Middle Office

Ich habe viel Erfahrung in verschiedenen Funktionen bei einer Investmentbank gesammelt und kann sagen, dass viele Front-Office-Banker nicht immer nett sind. Ich bin des öfteren bedroht, unter Druck gesetzt und angeschrien worden.

Es wäre einfach zu sagen, dass Front-Office-Banker wichtig sind, weil sie die Erträge hereinholen und der Rest der Beschäftigten nur Geld kostet. Die Realität ist schon komplexer. Meiner Ansicht nach sind Front-Office-Banker aus verschiedenen Gründen arrogant:

1. jugendliche Überheblichkeit und Unerfahrenheit

Das erste Mal als ich mit Emmanuel, einem jungen französischen Derivatehändler sprach, erinnerte ich den Absolventen einer Grand Ecoles daran, dass er die Geschäfte im Settlement-System buchen musste. Ich habe das nur deshalb getan, weil er für eine große Zahl von falschen Front-to-Back-Reconcilation-Breaks verantwortlich war. An seinem ersten Tag könnten das 100 Prozent seiner “Trades” gewesen sein.

Daraufhin baute er sich vor mir auf und drohte mir Schläge an, sollte ich es noch einmal wagen, ihn eines Fehlers zu bezichtigen. Es dauerte nicht lange – eher Stunden als Tage – bis er wieder einen Fehler machte. Ich machte meine Arbeit und sagte es ihm. Schlussendlich wurde er einer der besten Händler von exotischen Derivaten – fachlich aber auch charakterlich.

2. Überheblichkeit, die auf Erfahrung und Erfolg beruht

Ich machte den Fehler und schickte dem neuen Head of Convertibles and Warrants einer führenden Investmentbank ein Memo. Darin schrieb ich, dass seine Händler naiverweise annähmen, dass das FX-Risiko angemessen abgesichert sei. Das war es nicht, und das war die Quelle für unerklärliche Gewinne und Verluste.

Er erklärte sich einverstanden, mich zu treffen – aber nur, um von mir eine Entschuldigung für meine Wortwahl (“naiv”) zu verlangen. Er bekam sie – und seine Händler gingen weiter große unerkannte FX-Risiken außerhalb des authorisierten Risikolimits ein.

3. verschleierte Überheblichkeit

Irgendwie haben Convertibles- und Warrants-Händler es mir angetan. Folgender Fall passierte bei einer anderen Bank, in einem kleinen Team bestehend aus einem “Head”und seinem Händler.

Diese europäische Bank hatte schon lange vor dem Dotcom-Boom und “Dress-Down”-Freitag eine lockere Anzugsordnung – “smart, casual”. Ein T-Shirt schien kein Problem zu sein, bis zu dem Tag als der Personalchef die Kleiderordnung in einem Memo verschärfte.

Trotzdem blieben T-Shirts im Convertibles- und Warrants-Bereich weit verbreitet. Erst einige Monate später wurden sie ausdrücklich verboten. “Compliance” hatte zuvor die gespeicherten Telefonate des Bereichs überprüft und dabei “Unregelmäßigkeiten” entdeckt.

4. Überheblichkeit – aus Angst

Das ist die am meisten verbreitete Form und tritt besonders dann auf, wenn die Märkte kräftig schwanken. Niemand sieht gerne dumm aus, deshalb mögen es Front-Office-Banker überhaupt nicht, wenn Buchhalter und andere Back-Office-Mitarbeiter auf Fehler hinweisen.

Schwankende Märkte machen die nagende Stimme des Selbstzweifels und der Unsicherheit um so lauter. Sie haben aber Konsequenzen, sowohl für die potenziellen Verluste als auch die Auswirkungen dieser Verluste auf das Prestige, den Bonus und die Karriere

Fazit: Ich kann nur annähernd nachvollziehen, wie hart das Arbeiten als Front-Office-Banker ist. Ich halte privat bloß ein paar Aktien und wenn die Märkte am Boden liegen, dann kann ich Wirtschaftsnachrichten nicht ertragen. Ich fühle mich schlecht, ohne dass mich jemand fragt, warum ich eine bestimmte Aktie zu einem bestimmten Preis gekauft habe.

Im Front Office wird man nur nach der Qualität solcher Entscheidungen bewertet. Es gehört schon viel Härte dazu, Fehler einzugestehen und Verluste zu akzeptieren. Schließlich ist es sehr einfach, auf Fehler mit Aggression zu reagieren, notwendige Härte in Arroganz zu verwandeln.

Diese Liste ließe sich vermutlich weiter verlängern. Ich denke, es hilft, wenn man versteht, wie Überheblichkeit und Arroganz entstehen. Man sollte dennoch nicht erwarten, dass die Allgemeinheit, vor allem Politiker, diese Arroganz verstehen – besonders dann, wenn Banker mehr Geld verdienen als die besten Politiker.

Kommentare (1)

Comments
  1. Den Stress kenn ich aus einer anderen Perspektive, wo zeitliche Limits einem das fast unmögliche Abverlangen und selbsthaftend ohne kollegialen Rat die uaferlegten Cases erledigen muss. – Mir hat es geholfen, über meinen Stress zu berichten und die Defizite, die auf mich einwirken offenzulegen. Innerhalb von ein paar Tagen hat sich das Betriebsklima für mich zum Positiven gewandelt.

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