☰ Menu eFinancialCareers

Fünf Jahre danach: Wie ein französischer Banker mit einem Brettspiel zur Lehman-Pleite reich werden will

30Karat

Der fünfte Jahrestag der Lehman-Pleite markiert einen ganz besonderen Tag im Leben von Fabien Chevillon. Der 39jährige arbeitet als Strukturierungsexperte bei der französischen Investmentbank Natixis in Paris. Wie wohl sämtliche Finanzprofis kann sich auch Chevillon noch gut an jenen 15. September 2008 erinnern, als die globalen Finanzmärkte von einer beispiellosen Panik ergriffen wurden. Doch dieses Datum der weltweiten Verzweiflung hielt für ihn persönlich einen Hoffnungsschimmer parat. Wer weiß, vielleicht stellt der 15. September sogar den Anfang eines ganz neuen Lebens für den Vater von drei Kindern dar. Das jüngste davon hat erst vor einer Woche – pünktlich zu dem Ereignis – das Licht der Welt erblickt.

Den Jahrestag der Lehman-Pleite wählte Chevillon für den Verkaufsstart seines Gesellschaftsspiels „30 Karat“, an dem er mehr als drei Jahre arbeitete. Dabei handelt es sich angeblich um „das erste Gesellschaftsspiel der Welt, das die Finanzmechanismen getreu wiedergibt, die zur größten Wirtschaftskrise des 21. Jahrhunderts führten“, so heißt es jedenfalls in einer Pressemitteilung.

Die Zeit nach Lehman als eine Chance des Neuanfangs

Die Idee zu dem Spiel kam Chevillon in den Tagen nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank, als er selbst in der Strukturierung von Derivaten bei der französischen Großbank BNP Paribas arbeitete. „Da herrschte die totale Panik, die Banken verloren das Vertrauen zueinander … Ich dachte instinktiv, dass diese Atmosphäre von Misstrauen und Bluff ausgenutzt werden könne“, erklärt Chevillon, der sich schon seit seiner Kindheit für Gesellschaftsspiele begeistern kann. Bereits seit er zehn Jahre alt ist sammelt er Spiele, die zumeist aus Deutschland stammen, von einer Nation also, die wie er selbst nach solchen Spielen süchtig ist.

Der 39jährige hat mehrere Monate damit zugebracht, die Spielprinzipien zu entwickeln und diese im Kreis von Freunden und Kollegen auszuprobieren. „Bei den Kapitalmarktexperten handelt es sich um große Spieler“, beteuert Chevillon, der einen Master in Capital Markets von der ESCP Europe mitbringt. In „30 Karat“ ersetzen indes Edelsteine die toxischen Wertpapiere der Finanzkrise. „Ich habe sehr schnell festgestellt, dass Frauen und Kinder nicht auf Wertpapiere abfahren. Aber mit den Diamanten können sich auch Frauen hierfür begeistern und Kinder können sich für Abenteurer halten“, erläutert Chevillon.

Wegen eines MBA wechselte Chevillon zur Bad Bank von Natixis

Etwa zur gleichen Zeit fiel auch Chevillons Erkenntnis, dass er sich in seiner Karriere neu ausrichten müsse. „Die Strukturierung von Derivaten zählte zu den Geschäftsbereichen, die am stärksten vom Rückzug der Kunden auf dem Höhepunkt der Finanzkrise betroffen waren“, erzählt Chevillon. Im Oktober 2009 verließ der Finanzprofi schließlich BNP Paribas, um einen MBA zu absolvieren. Dabei handelte es sich um den Trium Global Executive MBA, der als Gemeinschaftsprojekt von der New York University Stern, der London School of Economics und der HEC Paris angeboten wird.

Als sich Chevillon gerade für das zweijährige Programm von 2010 bis 2012 einschreiben wollte, bot ihm Natixis einen Job in der Restrukturierung derjenigen toxischen Wertpapiere an, die sie in ihre Bad Bad ausgelagert hatte. Er selbst bezeichnet seinen Job als „Minenräumen“. Es gehe darum, das Terrain zu säubern und das Geschäft neu aufzustellen. Chevillon akzeptierte das Angebot unter der Bedingung, dass Natixis ihm Freistellung für die Arbeit an seinem MBA gewährte. Denn nach dem Programm finden alle drei Monate zweiwöchige Veranstaltungen im Ausland statt (London, New York, Shanghai, Chennai). Neben seiner Arbeit, seinem MBA und seiner Familie verfeinerte Chevillon sein Brettspiel weiter. „Der MBA hat mich hauptsächlich gelehrt, mich besser zu organisieren, so dass ich an verschiedenen Projekten gleichzeitig arbeiten kann und mich allein auf diejenigen Punkte mit einer hohen Wertschöpfung konzentriere“, betont Chevillon.

Fünfzig Testpartien und viele gewonnene Preise

Insgesamt arrangierte Chevillon 50 Testpartien und nahm an diversen Wettbewerben teil, bei denen er regelmäßig Preise für sein Brettspielt abräumte. Seinen ersten Wettbewerb hat er in Frankreich in 2011 gewonnen, in 2012 folgte die Teilnahme an einem weiteren, dieses Mal europäischen Wettbewerb, bei dem er ebenfalls erfolgreich war. Dadurch wurden die Verleger auf ihn aufmerksam. Als er mit Grosso Modo schließlich seinen Verleger fand, benötigte Chevillon weitere 18 Monate, um das Spiel zu optimieren, das jetzt – fünf Jahre nach der Lehman-Pleite – auf den Markt kommt.

Doch worin besteht das Spiel überhaupt? Am Anfang besitzen sämtliche Spieler exakt die gleiche Menge an Edelsteinen. Anschließend können sie die Edelsteine, deren Wert sie kennen, gegen andere Edelsteine austauschen, deren Wert ihnen unbekannt ist – alles um ihre Vermögenswerte zu steigern. Diese Spielprinzipien wurden von der Theorie der effizienten Märkte inspiriert. Auch dort dreht sich alles um Spekulation, Verluste und Bluff. Damit bestehe die Garantie, dass die Spieler das gleiche nachempfinden, was die Trader während der Gewitter an den Märkten durchmachen mussten. Doch ist die Finanzkrise damit Geschichte?

Das Spiel hat gerade erst begonnen

Von dem Spiel hat die französische Spielzeugkette „La Grande Récré“ bereits 4500 Exemplare bestellt. Laut Chevillon handle es sich dabei um eine mittlere Menge in einem hartumkämpften Markt. „Auf dem Markt gibt es 600 Spiele und jedes Jahr werden 60 davon mehr als 10.000 Mal verkauft“, sagt Chevillon.

Der 39jährige muss wahrscheinlich 100.000 Exemplare absetzen, um davon gut leben zu können. Offensichtlich gelten auch in der Spielebranche die Gesetze des Unternehmertums. Unterdessen weiß Chevillon, dass ihm seine Erfahrung bei Natixis mit vielen übergreifenden Problemen konfrontiert, bei denen es um hohe Wertschöpfung geht. Damit fielen seine Karriereaussichten sehr gut aus, sagt er. Die Moral von der Geschichte: Nicht alle haben nach der Lehman-Pleite persönliche Einbußen verkraften müssen.

Ähnliche Artikel:

500 Jahre „Der Fürst“: Was Banker von Machiavelli lernen können

Vom Investmentbanker zum Hüttenwirt: Interview mit einem Aussteiger

Wollen Sie Millionen verdienen? Dann sollten Sie Insolvenzverwalter werden

Kommentare (0)

Comments

Antworten

Pseudonym

Pflichtfeld

E-Mail

Ungültige E-Mail-Adresse

Alle Informationen zu unseren Community-Richtlinien finden Sie hier