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Aus dem Tagebuch eines Praktikanten: Wieso Banker ihr „Mojo“ verloren haben

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Ich fühle mich, als ob ich das Praktikum bereits hinter mir hätte. In der vergangenen Woche habe ich meine Abschluss-Präsentation gehalten, mir wurde ein Formular zur Selbsteinschätzung meiner Leistungen überreicht und ich weiß, dass auch meine Kollegen ihre Bewertungen für uns Praktikanten bereits abgegeben haben. Die alles entscheidende Frage lautet: „Würden Sie diese Person einstellen?“ mussten sie also schon beantworten. Doch ob ich tatsächlich den Job bekomme, werde ich wohl erst am letzten Tag meins Praktikums erfahren. Das ist zwar brutal, aber kann auch einen brillanten Abschluss darstellen.

Dabei dürfte meine Präsentation wohl die größte Herausforderung meines Praktikums gewesen sein. Obgleich ich sie mehrfach eingeübt habe und viele Arbeitsstunden in die Vorbereitung investiert habe, kenne ich mich in Finance doch nicht in- und auswendig aus. Wertsteigerung und Verwässerung,  feindliche Übernahmen, EBITDA, Betriebskapital, Kalendereinflüsse, TERPs, Kartellregeln, Regulierung…  die Liste lässt sich mühelos fortsetzen. Das ist alles gut und schön, doch als ein Praktikant, der faktisch die Arbeit eines Analysten erledigen muss, wird von dir niemals erwartet, alle Details der Corporate Finance zu kennen. Die Expertise stellt sich vielmehr sukzessive mit der wachsenden Berufserfahrung ein. Aber dann beginnt die Spezialisierung, so dass du niemals alles wissen wirst. Von Praktikanten wird lediglich erwartet, dass du am Ende des Praktikums zumindest einen soliden Eindruck von den Finance-Grundlagen erworben hast und dass du Begeisterung fürs Lernen gezeigt hast. Denn die Bereitschaft zu Lernen und eine rasche Auffassungsgabe sind für jeden Nachwuchsbanker in einer M&A-Abteilung von entscheidender Bedeutung.

Unterdessen handelt es sich um eine interessante Zeit, um sich mit den anderen Praktikanten über ihre Erfahrungen auszutauschen. Manche sind zu dem Schluss gelangt, dass sie von dem Unternehmen gar kein Jobangebot erhalten wollen. Dabei stören sie sich vor allem am Lifestyle der Branche. Dennoch fällt die Arbeit meistens gar nicht so schwer. Auch wenn es gelegentlich ziemlich stressig werden kann, gelingt es doch den meisten, die alltäglichen Aufgaben zu bewältigen.

Womit die meisten Leute zu kämpfen haben, ist die Tatsache, dass sich Freizeitaktivitäten wie das Treffen mit Freunden oder Partnern kaum vorausplanen lassen. Wenn man zu erfahreneren Bankern spricht, dann geben sie regelmäßig zu, wie schwierig es ist, Beziehungen zu pflegen, wenn man im Banking arbeitet. Das ist der Normalfall. Es scheint als würden sich die M&A-Banker entweder in einer sehr langjährigen Beziehung mit sehr verständnisvollen Partnern befinden oder aber in keiner Beziehung. Ein Date oder ein Treffen mit einem Partner zu arrangieren, ist offenbar recht schwierig und ich weiß auch wieso: Selbst wenn du dich zu einem Date verabredest, dann ist es mehr als wahrscheinlich, dass du es nicht schaffen wirst. Darüber hinaus haben Banker mit einem Imageproblem zu kämpfen. Sie  haben gewissermaßen ihr „Mojo“ verloren.  Nichts wirkt auf einen Flirtpartner abschreckender als eingestehen zu müssen, dass man sein Geld als Banker verdient. Deshalb erzählen viele Banker, die man in Nachtclubs trifft, lieber, dass sie in Finance arbeiten.

Seine Freunde oder seine Familie über längere Zeit nicht zu sehen, wird sich sicherlich irgendwann rächen. Auch wenn man tatsächlich gutes Geld verdient, bezahlt man mit dem Opfer vieler Jahre seiner Jugend doch einen hohen Preis. Andere wiederum verabschieden sich von einer Bankkarriere weil sie andere Karrierewege vorziehen. Gerade das Beratungsgeschäft stellt eine verlockende Alternative dar, aber auch die Arbeit für Non-Profit-Organisationen, die Lehre oder Politik.

Einer der schönsten Aspekte des Praktikums war sicherlich die Zeit, die ich mit anderen Praktikanten verbringen durfte. Sie kommen von rund um den Globus und stellen schon einen netten Haufen dar. Auch wenn wir wenig Zeit hatten, um uns außerhalb des Office zu treffen, oder auch nur innerhalb des Office, geht es doch am Wochenende deutlich ruhiger zu. Im Office herumzuspazieren und mit anderen Praktikanten zu sprechen, treibt dich an und motiviert dich. Und wenn der Tag endlich zu Ende ist, dann kannst du dich mit ihnen noch auf ein oder zwei Gläser treffen.

Am vergangenen Wochenende bin ich um das Office herumgekommen. Schon dadurch hat man den Eindruck, dass das Praktikum fast vorüber ist. In meinem Beitrag in der kommenden Woche werde ich versuchen, eine Bilanz meines Praktikums zu ziehen.

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