☰ Menu eFinancialCareers

INTERVIEW mit ehemaligem Head of M&A: Müssen sich Praktikanten wirklich zu Tode arbeiten?

Rudolf-Wotzel1

Der plötzliche Tod des 21jährigen Praktikanten Moritz Erhardt während eines Praktikums bei der Bank of America Merrill Lynch hat die Blicke auf ein großes Problem geworfen: Die endlosen Arbeitszeiten von Praktikanten und Analysten bei Investmentbanken. Wir fragen einen Insider, ob die langen Arbeitszeiten wirklich erforderlich sind, wie sich die Banken ändern müssen und was Praktikanten selbst unternehmen können.

Rudolf Wötzel hat eine steile Karriere im M&A-Geschäft hinter sich. Bis 1998 arbeitete er für die UBS, von 1998 bis 2005 leitete er das M&A-Geschäft der Deutschen Bank in der Schweiz und bis 2007 war der 50jährige Head of M&A für die deutschsprachigen Länder bei Lehman Brothers. Nach einer Alpendurchquerung von Salzburg nach Nizza kam Wötzel 2007 – noch vor dem Zusammenbruch der Bank –  zu dem Entschluss, aus dem Investmentbanking auszusteigen. Heute managt Wötzel in der Nähe von Klosters in Graubünden eine Berghütte, betätigt sich als Autor und gibt Seminare.

Wie lange müssen Praktikanten Ihrer Erfahrung nach in Investmentbanken arbeiten?

Im M&A-Geschäft hängt das stark von der jeweiligen Auftragslage mit Mandaten zusammen. In der Flaute kann der Praktikant einen einigermaßen geregelten Arbeitsablauf erwarten. Inhaltlich arbeitet er dann aber auch meist an weniger spannenden Themen. Fällt sein Praktikum in den Beginn eines großen Projekts, können das schon 80 Stunden in der Woche und mehr sein – bei permanenter Abrufbereitschaft. Er wird als vollwertiges Mitglied in das Projektteam integriert. Dann können der Mix aus elektrisierender Faszination für den „Life Deal“, gnadenloser Wille zur Selbstaufopferung und hoher Erwartungsdruck zu einem explosiven Cocktail werden.

Ich empfehle jungen Praktikanten einen anderen Ansatz: Wie lange will und kann ich in Investmentbanken arbeiten und wo sind meine Grenzen – unter der Prämisse, dass die Arbeitszeit ohnehin beliebig ausdehnbar ist?

Hatten Sie schon einmal einen Vorfall, wo ein Praktikant zusammengebrochen ist oder ähnliches?

Wenige Male erlebte ich, dass Praktikanten den enormen Belastungen nicht standhielten und vorzeitig ihr Praktikum abbrechen mussten, eine Mischung aus nervlichem und körperlichem Zusammenbruch. Gottseidank ohne akute Hospitalisierung und dauerhafte Folgeschäden. Gefährdet sind Menschen mit einem schwachen Selbstwertgefühl, bedingungsloser Leistungsorientierung und hohem Drang nach Anerkennung. Sie definieren sich ausschließlich über ihre Außenwirkung. Robuste, in sich ruhende Typen mit einem gesunden Selbstschutzreflex sind weniger gefährdet. Die suchen allerdings auch weniger oft eine Karriere im Investment Banking.

Ist es wirklich notwendig, dass Praktikanten die Nächte durcharbeiten?

Eine Nacht durchzuarbeiten bedeutet einen massiven Produktivitätsverlust am Folgetag. Insofern sind Allnighter nicht effektiv und sinnlos – und höchstens zu rechtfertigen, wenn ein Life Deal eine unerwartete Wendung nimmt – mit einem entsprechenden adhoc-Arbeitsaufwand. Aus meiner Erfahrung sind neun von zehn Allnighters bei genauer Betrachtung unnötig und Folge von mangelhafter Projektplanung und letztendlich einer Geringschätzung der Humanresourcen seitens des Projektmanagements. Leider kultivieren auch die „Juniors“ eine Art Heroenritual und heften sich allzu gerne das zweifelhafte Verdienst zahlreicher Allnighter und den Ruf exzessiven Arbeitseinsatzes auf die Brust.

Wie müssen sich Banken ändern, damit derartige Vorfälle sich in Zukunft nicht ereignen?

Die meisten Projektmanager sind hervorragende M&A-Spezialisten, aber schlechte Führungskräfte und Projektmanager ohne Feingefühl für die Bedürfnisse ihres Humankapitals. Angesichts permanenter Knappheit an Mitarbeitern werden Praktikanten leider oft als preiswerter Pool für harte Frontarbeit gesehen. Es gilt, durch entsprechende Ausbildungsmodule die fachliche Führungskompetenz und Project-Management-Skills von Projektleitern zu erhöhen. Wirksam sollte auch sein, die „Objectives“ bei der Mitarbeiterbeurteilung von Führungskräften anders zu gewichten – also die Basis für Bonus, Gehalt und Beförderungen: Fördert oder verschleißt der Mitarbeiter Juniors? Zeigt er Empathie und Interesse an der persönlichen Entwicklung seiner Teammitglieder? Möchte ein Praktikant bei der Firma bleiben und wenn nicht, warum?

Management Consultancies verwenden ausgeklügelte Mentoring-Konzepte zur Förderung von Juniors und Praktikanten – es würde Sinn machen, diese Modelle auch im Investment Banking einzusetzen. Wichtig ist, dass eine fach- und linienübergreifende Führungsperson eine Art Patenrolle des Juniors annimmt und diese aktiv lebt.

Schließlich sollte das Bewusstsein geschärft werden, dass Führungskräfte eine Fürsorgepflicht für die ihnen anvertrauten Mitarbeiter haben – einschließlich Sanktionen bei Verstößen gegen diese Pflicht.

Ähnliche Arktikel:

Nach acht Nachtschichten: Deutscher stirbt bei Praktikum im Investmentbanking

GASTKOMMENTAR: Praktikanten sind von Moritz Erhardts Tod schockiert, doch nichts wird sich ändern

Vom Investmentbanker zum Hüttenwirt: Interview mit einem Aussteiger

Kommentare (0)

Comments

Antworten

Pseudonym

Pflichtfeld

E-Mail

Ungültige E-Mail-Adresse

Alle Informationen zu unseren Community-Richtlinien finden Sie hier