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GASTKOMMENTAR: Praktikanten sind von Moritz Erhardts Tod schockiert, doch nichts wird sich ändern

Moritz Erhardt

Moritz Erhardt

Der Autor verbringt gerade ein Praktikum in der M&A-Abteilung einer Großbank in der Londoner City.

In der City gibt es eine große Community von Investmentbanking-Praktikanten und viele von uns waren von der Nachricht vom Moritz Erhardts Tod persönlich getroffen, gleich ob wir Moritz persönlich kannten oder nicht. Da auch viele von uns mit enormem Druck konfrontiert sind, fällt es uns leicht, sich mit ihm zu identifizieren. Erhardt hatte in der Woche vor seinem Tod einige Nächte durchgearbeitet. Obgleich wir traurig sind, kommt die Nachricht vom Tod eines Praktikanten doch nicht völlig unerwartet.

Die Gerüchte von der Tragödie verbreiteten sich bereits am Freitag wie ein Lauffeuer durch alle Banken. Über das Wochenende wurde aus den Gerüchten langsam Gewissheit. Anfangs hatten die meisten Leute die Gerüchte von der Hand gewiesen. Sie konnten nicht glauben, dass die im Banking herrschende Wettbewerbskultur nicht nur einen Praktikanten an seine Grenzen bringt, sondern tatsächlich zu seinem Tod beitragen könnte.

In diesem Sommer habe ich sehr lange und ermüdende Arbeitszeiten während meines Praktikums im M&A einer Großbank in der Londoner City verbracht. Dennoch habe ich keine Nacht durchgearbeitet. Die Vorstellung eines „magischen Kreisverkehrs“, wonach ein Taxi dich für eine Dusche nachhause fährt und dich anschließend wieder bei der Arbeit abliefert, blieb bis in diese Woche ein Mysterium für mich. Ich bin immer bei einer Arbeitsbelastung geblieben, die noch erträglich war, auch wenn ich dadurch einige Deadlines verpasste. Die meisten Praktikanten handhaben es ähnlich: Einige strengen sich härter an, andere weniger.

Eines der ersten Dinge, die ein Praktikant unterzeichnen muss, ist die Ablehnung der EU-Direktive zur Beschränkung der Arbeitszeiten. Wir unterschreiben das alle und die Studenten sind sich voll bewusst, dass sie bei einem Einstieg in die Branche lange arbeiten müssen. Allerdings habe ich auch selbst miterlebt, dass einige Studenten noch nicht wissen, wie sie sich um ihr eigenes Wohl sorgen. Es ist schon etwas an dem Argument dran, dass einige Praktikanten zu jung, andere zu naiv und wieder andere zu unreif sind, um so hoch bezahlt und so unter Druck gesetzt zu werden und dabei wenig Unterstützung erfahren.

Die überschaubare Dauer eines Praktikums gibt den Praktikanten ein Ziel, auf das sie hinarbeiten können. Alles was zählt, ist die Ziellinie mit einem Jobangebot zu erreichen. Schlaf wird häufig kurzfristig mit der Absicht verschoben, ihn nach dem Praktikum nachzuholen.

Für viele von uns, mich eingeschlossen, hat diese Tragödie eine ganz neue Seite zu unseren Praktikumserfahrungen in M&A hinzugefügt. Einige achten zweifellos viel mehr auf Work-Life-Balance als zuvor. Es ist klar geworden, dass auch Banker nicht unbesiegbar sind. Viele Praktikanten und Analysten legen größeren Wert auf die gesundheitlichen Folgen, die ein solcher Lebensstil mit sich bringt. Durch diesen Vorfall werden sicherlich weniger Praktikanten nach ihrem Studienabschluss in die Branche einsteigen. Teilweise wird das Ereignis die Analysten ermutigen, unerträgliche Arbeitsbelastungen zurückzuweisen.

Dagegen hegen viele Senior Banker Zweifel, ob sich durch diese Tragödie irgendetwas ändern wird. Dies mag auch daran liegen, dass viele Banker sich nach so langer Zeit in der Branche eine dicke Haut zugelegt haben. Darüber hinaus herrscht die Erwartung, dass sich eine begeisterungsfähige Jugend auch weiterhin zu Beginn ihrer Karriere anstrengen wird. Allerdings besteht das Risiko, dass eine kleine Minderheit nicht weiß, wo ihre Grenzen liegen. Viel scheint auch in Erfahrung zu bestehen: Diese Leute haben einfach im Laufe ihrer Karriere schon zahllose Nächte durchgearbeitet und es überlebt. Sie wissen, dass es möglich ist und dass es ohne weitere Gründe nie zu dieser Tragödie gekommen wäre.

Daher ist noch unklar, ob dieser Vorfall irgendwelche langfristigen Auswirkungen auf das hat, was als „City Slavery“ bekannt ist. Die Banken sind üblicherweise sehr zögerlich, wenn es um Veränderungen geht. Wie jedes Unternehmen haben sie ihre Kultur verinnerlicht und können sie nur langsam ändern. Solange die genauen Hintergründe für Moritz Erhardts Tod unbekannt sind, rechne ich mit wenig Veränderungen. Einige Personalabteilungen erinnern jetzt sicherlich die Teams und Analysten an die Gefahren, von den Praktikanten zu viel zu verlangen. Dies ist zum ersten Mal vorgekommen. Kurzfristig wird dies einigen Praktikanten helfen, aber wie wird es im nächsten Jahr aussehen?

Die Bewerbungsrunde für die Sommerpraktika im kommenden Jahr steht langsam an. So lange Studenten sich um die Praktika in Investmentbanken schlagen, so lange werden auch die Banken die Oberhand behalten. Auch wenn es von den Praktikanten nicht verlang wird, werden viele den Druck spüren, unglaublich lange zu arbeiten. Es ist schwierig sich nicht unter Druck gesetzt zu fühlen, wenn unzählige Leute deinen Platz mit Kusshand einnehmen würden. Der Tod von Moritz offenbart einen tiefen Riss in Struktur und Kultur der Investmentbanken-Praktika. Es ist unvermeidbar, dass in den Praktikumsprogrammen auch in Zukunft ein starker Wettbewerbsgeist herrscht, doch die manische Konzentration auf kurzfristige Leistungen muss sich ändern.

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