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Aus dem Tagebuch eines Praktikanten: Unternehmens-Blackberries sind wie Handschellen

Photo by: arrayexception

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Es ist schon verblüffend, wie rasch man sich an die endlosen Arbeitszeiten in M&A gewöhnt. Ich wurde wiederholt von Nichtbankern gefragt, wie die Mitarbeiter in einer M&A-Abteilung die penetrant langen Arbeitszeiten aushalten. Das lässt sich leicht erklären – und es handelt sich um einen Teufelskreis:

Die besonders ehrgeizigen Angestellten treiben den Wettbewerb beständig an und es ist genau dieses wettbewerbsfreundliche Umfeld, das eine magische Anziehungskraft auf entsprechende Persönlichkeiten ausübt. Dein Körper, deine Einstellung und dein Lebensstil passen sich erstaunlich rasch dem Umfeld an. Und dies wiederum bestärkt das Verhaltensmuster „typischer“ Banker. Beim Ausgehen am Freitagabend handelt es sich nicht nur um eine liebgewonnene Gewohnheit oder um Entspannung. Nein, vielmehr verspürst du, dass du das meiste daraus machen musst, du musst es ausleben, indem du etwas des hart erarbeiteten Geldes auf den Kopf haust und dich für ein paar Stunden einfach lebendig fühlst. Nicht alle Banker benehmen sich so. Allerdings kann ich verstehen, dass die Leute auf diese Weise ein wenig ihrer aufgestauten Frustration abbauen.

Unterdessen habe ich begonnen, am Abschlussprojekt meines Praktikums zu arbeiten. Es handelt sich um ein umfangreiches Projekt, über dessen Größe allein du entscheidest. Ich stützte mich auf Vorschläge aus meinem Team, wobei mir Analysten bei den Modellen und Associates bei der Planung und bei der Neudefinierung halfen. Die Kollegen nehmen sich gern etwas Zeit für uns Praktikanten, falls sie ein wenig Freiraum haben. Es handelt sich um ein großartiges Umfeld, um zu lernen und Fragen beantwortet zu bekommen. Die Ergebnisse meines Projektes werde ich in einer Präsentation in der kommenden Woche vorstellen, bis dahin werde ich sie weiter überarbeiten und verfeinern. Es ist irgendwie, als befände ich mich ständig in einem Vorstellungsgespräch. Leider muss ich auch weiterhin an den täglichen Aufgaben mitarbeiten, wodurch mir tatsächlich kaum eine freie Minute bleibt. Es fühlt sich an, als wenn das Praktikum langsam auf einen Höhepunkt zusteuert.

Mich beeindruckt immer mehr, wie viel von dem greifbaren Output des Unternehmens von den niedrigsten Arbeitskräften, den Analysten, geleistet wird. Denn es sind die Analysten, die tatsächlich die Kundenpräsentationen, die sogenannten Pitch Books, erstellen. Sie leisten die gesamte Analyse, die darin steckt, stellen diese zusammen und polieren die Präsentation auf. Die Associates wiederum bestimmen den Aufbau der Pitch Books entsprechend den groben Vorgaben, die sie wiederum von oben erhalten. Die Associates halten auch den alltäglichen Kontakt zu den Unternehmen der Kunden – zumindest mit deren weniger wichtigem Personal. Die Vice Presidents wiederum organisieren den Deal. Sie arrangieren die Telefonkonferenzen, klären regulatorische Fragen, berufen die internen Meetings ein und betreuen hauptsächlich die Projektabläufe der Deals und Pitches. Sie besuchen die Kunden, eruieren deren Wünsche, halten sie bei Laune und generieren letztlich die Erträge. Ihre Arbeit besteht darin, die Bank und das Team am Laufen zu halten.

Normalerweise gelingt ihnen das auch. Auch wenn es im Büro nicht allzu geschäftig zugeht, murkst jeder herum und arbeitet bis direkt zur Deadline. Wenn du weißt, dass du nicht früh nachhause gehen kannst, dann spielt es kaum eine Rolle, wie effizient du arbeitest. So musste auch ich an diesem Wochenende im Büro erscheinen, weil ein Director der Meinung war, er benötige einige Änderungen an einem Pitch. Vor diesem Hintergrund erweisen sich die unternehmenseigenen Blackberries geradezu als Handschellen und auch wir Praktikanten bekommen das sukzessive zu spüren. Am ersten Tag sahen sie recht cool aus und wir betrachteten sie eher als eine Art Geschenk. Am zweiten Tag erhältst du die ersten E-Mails – und auch dies fühlt sich cool an. Du bist in der Lage zu arbeiten, während Du unterwegs bist. Doch dann must du plötzlich feststellen, dass die E-Mails auch am Wochenende nicht abreißen. Sie fallen einem immer mehr auf den Wecker. Auch wenn man nicht grundlos ins Büro bestellt wird, fällt die Hürde doch sehr niedrig aus. An diesem Wochenende handelte es sich sicherlich um eine bloße Laune des Directors, mich einzubestellen. Dennoch lasse ich mich davon nicht unterkriegen. In zehn Jahren werde ich seinen Job haben!

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