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Vom Banker zum Whisky-Hersteller: Die zweite Karriere des ehemaligen Kerviel-Chefs

Eric Cordelle

Eric Cordelle

Erst Kürzlich hat sich der französische Skandaltrader Jérôme Kerviel wieder in Erinnerung gerufen. Vor einem Pariser Arbeitsgericht versucht Kerviel, seine Entlassung durch die französische Großbank Société Générale anzufechten – und das obgleich er seinem Arbeitgeber in 2007 einen Verlust von 4,9 Mrd. Euro bescherte. Doch eben dies bestreitet Kerviel: „Ich weiß, dass es keinen Verlust gab, es gab nie einen Verlust von fünf Milliarden Euro für die Société Générale.“ Unterdessen hat sich das Gericht auf den 24. März vertagt.

Weniger im Blitzlichtgewitter steht sein ehemaliger Chef Eric Cordelle, der 18 Monate neben Kerviel saß und nichts von dessen Zockerei am Kapitalmarkt erfahren haben will. Nach 15 Jahren bei der französischen Großbank in Paris und Tokio war seine Bankingkarriere beendet. Der französisch-amerikanische Ingenieur und Vater von drei Kindern scheint sich jetzt neben seinen Erfahrungen im Derivategeschäft ein zweites Standbein aufbauen zu wollen.

Laut seinem LinkedIn-Profil sattelt Cordelle seit acht Monaten auf die Whisky-Produktion um. Dazu ist der 40jährige aber nicht etwa nach Schottland umgezogen, vielmehr befindet sich seine Whisky-Destillerie in der Bretagne, einer Wiege der französischen Whisky-Produktion. Seine „Distellerie Moderne“ befindet sich in Küstennähe in Saint-Quay-Portrieux, einer schmucken Kleinstadt an der Côtes-D’Armor in der Bretagne. Sein erstes Fass „Single Malt Whisky“ hat er für das kommende Jahr angekündigt.

Die unbekannte Liebe der Franzosen zum Whisky

Wenig bekannt ist unterdessen, dass Frankreich den volumenmäßig größten Absatzmarkt für schottischen Whisky darstellt, noch vor den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Tatsächlich gibt es keine Spirituose, von der in Frankreich mehr konsumiert würde. Doch die Franzosen produzieren selbst nur wenig des edlen Getränks.

Nach den Zahlen des Spirituosenzentrums „Centre International des Spiriteux“ aus der Nähe von Cognac in Westfrankreich haben die Franzosen im Jahr 2010 gerade einmal rund 16.000 Kisten à neun Liter hergestellt – und 16 Mio. Kisten konsumiert. Unterdessen hat Cordelle an diesem Zentrum im April an einem fünftägigen Seminar unter dem Titel: „Kompetenz in Spirituosen“ teilgenommen, wozu eine Verkostung und eine Einführung in die Grundlagen der Destillation gehörten.

Cordelle ist nicht er einzige, der das unbekannte Potenzial dieses Marktes aufgespürt hat. „In einem Zeitraum von zehn Jahren ist die Zahl der Whiskyhersteller auf dem französischen Markt von drei bis vier auf heute nahezu 30 angestiegen“, erläutert Whiskyliebhaber Alex Roche von FranceWhisky.fr.

Dabei scheint es sich um einen veritablen Trend zu handeln, denn immer mehr Destillerien und kleine Brauereien entstehen in Frankreich. „In der vergangenen Zeit beteiligen sich besonders Leute aus den Finanzdienstleistungen und dem Weinbau“, erzählt Roche.

Aufgrund dieser vielseitigen Entwicklung lasse sich laut Roche kein typisch französischer Stil erkennen. Vielmehr reiche die Bandbreite von einem rustikalen Geschmack ähnlich dem des Bieres, einen frischen und fruchtigen Geschmack wie bei einem klaren Schnaps bis hin zu dem klassischen Whiskygeschmack, wie er in Schottland gepflegt wird. Einige Hersteller verschneiden verschiedene Whiskysorten, während andere auf „Single Malt“ schwören. Auch der Vertrieb fällt sehr unterschiedlich aus.

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Handelt es sich um ein Geheimprojekt?

Doch zu welcher Whisky-Richtung wird sich Cordelle bekennen? Dies bleibt vorerst sein Geheimnis. „Dafür ist es noch zu früh“, betont der ehemalige Chef des Delta One-Desks der Société Générale.

Cordelles ambitioniertes Ziel, bereits 2014 sein erstes Fass Whisky zu produzieren, sorgt unter Kennern für Stirnrunzeln, denn normalerweise muss die Edelspirituose mindestens drei Jahre reifen. „Ein Whisky jünger als zwei Jahre kann Laien durchaus gefallen und unter bestimmten Bedingungen auch eine eigene Ausprägung haben“, sagt Antoine Bocheux vom „Centre International des Spiritueux.“ Dazu zählen die Qualität der Ausgangsmaterialien, der Fässer und eine sorgfältige Destillierung.

Ein ambitioniertes und riskantes Projekt

Auch wenn Cordelles Projekt auf der ersten Blick verführerisch aussieht, so ist es doch nicht ohne Risiko, sagt David Roussier von Frankreichs größter Whisky-Destillerie „Warenghem“ in Lannion, was nur rund 30 Kilometer von Cordelles „Distellerie Moderne“ entfernt ist. „Der Anfang kann extrem schwer fallen. Für das Gebäude, das Material und die Fässer sind mindestens eine halbe Mio. Euro zu veranschlagen. In den ersten drei Jahren ist das Geschäft gleich Null und es fallen nur Ausgaben an“, erzählt David Roussier, der als Wirtschaftsprüfer bei Ernst & Young gearbeitet hat, bevor er die familieneigene Destillerie übernahm. „Mit der Krise ist der Markt ein wenig kleiner geworden. Erstmals in 30 Jahren ist der Absatz in Frankreich gesunken.“

Nach dem Handelsregister verfügt Eric Cordelles’ kleines Unternehmen über ein Eigenkapital von 125.000 Euro. Allerdings dürfte der ehemalige Banker bei seinem Abgang von der Société Générale eine stattliche Abfindung erhalten haben. Doch das allein genügt nicht.

„Um mit Whisky erfolgreich zu sein, benötigt man ein umfangreiches Fachwissen, man muss ein guter Kaufmann sein, über sein Produkt und seine Besonderheiten sprechen können, seine Marke und seine Vertriebswege gut auswählen“, betont Bocheux.

Das Rezept ist zumindest bei der Destillerie „Warenghem“ gut aufgegangen, die seit 1987 unter dem Namen „Armorik“ ihren Whisky in Frankreich vertreibt. 25 Jahre später wurde „Armorik“ sogar zum besten europäischen Whisky gekürt – was den internationalen Vertrieb zu allererst ermöglicht.

Dennoch handelt es sich um ein schwieriges Geschäft. So mancher Finanzprofi scheint mit seinen Zweitkarriere-Ambitionen als Weinbauer oder Whiskyproduzent auf eine gefährliche Verlockung hereinzufallen, wie sie in dem Film „Ein gutes Jahr“ suggeriert wird. Dies erzählt zumindest ein Pariser Headhunter, der auf Financial Services spezialisiert ist. „Viele geben ihre Illusionen bald wieder auf. Nach 20 Jahren als Angestellte, haben sie keine besonders guten Reflexe mehr. Der Markt wartet nicht auf sie.“

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