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„Ich fühle mich im Rheinland zuhause“: Was Schweizer Finanzprofis über ihr Leben in Deutschland erzählen

Entdecken die Schweizer Deutschland?

Entdecken die Schweizer Deutschland?

Auch wenn die britische BBC die Deutschen kürzlich zum beliebtesten Volk der Welt kürte, wird diese Meinung nicht überall geteilt. Vor allem in der Schweiz hat das Teutonenbashing eine gern gepflegte Tradition. So ärgerte sich die Nationalrätin Natalie Rickli der rechtsnationalen Schweizerischen Volkspartei vor gut einem Jahr über die Einwanderer aus dem Nachbarland: „Einzelne Deutsche stören mich nicht, mich stört die Masse.“

In der Tat ist die Zahl der in der Schweiz lebenden Deutschen seit der Einführung der Freizügigkeit rasant angestiegen. Lebten im Jahr 2000 nur knapp 110.000 Deutsche bei den Eidgenossen, waren es in 2011 über 275.000 – eine Steigerung von über 150 Prozent. Bei allem Unmut über die Deutschen wird indes leicht vergessen, dass es auch Eidgenossen gibt, die in Deutschland leben und sich dort sogar wohlfühlen.

So zählte das Schweizer Bundesamt für Statistik über 75.400 Schweizer, die ihren ständigen Wohnsitz im „großen Kanton“ unterhalten, wie die Schweizer Deutschland gelegentlich mit leicht despektierlichem Unterton nennen. Gegenüber 2000 stellt dies eine Steigerung von 11 Prozent dar. Wir haben zwei Schweizer befragt, was sie von ihrem Leben im „großen Kanton“ halten:

Hanspeter Sauter, Leiter der Düsseldorfer Julius Bär-Niederlassung und Honorarkonsul der Schweizerischen Eidgenossenschaft

Hanspeter Sauter hat nach einer Banklehre beim Schweizerischen Bankverein – heute UBS – und einem BWL-Studium an der Uni Zürich in der Kreditabteilung der Union Bancaire Privée angefangen. Von dort aus entdeckte der heute 49jährige das Geschäft mit den vermögenden Privatkunden. Als die UBS in den 90er Jahren ihr Wealth Management in Deutschland aufbaute, bot sich Sauter die Chance nach Frankfurt, Hamburg oder Düsseldorf zu gehen. „Meine ehemalige Ehefrau ist Deutsche, von daher bestand schon vorher eine bestimmte Nähe zu Deutschland“, erinnert sich Sauter.

Hanspeter_SauterDabei hat sich Sauter ganz bewusst für die Narrenmetropole entschieden. Damals habe ihm Frankfurt nicht zugesagt, obgleich die deutsche Finanzmetropole seither aufgeholt habe und gegenüber Hamburg biete Düsseldorf mit seinem großen Einzugsgebiet in Nordrhein-Westfalen einfach bessere Geschäftschancen im Private Banking.

Nach den ersten Jahren im Rheinland hat sich Sauter für einen Verbleib in seiner Wahlheimat entschieden. „Ich war der erste Schweizer bei der UBS mit einem deutschen Arbeitsvertrag“, erinnert sich Sauter. Seit vier Jahren leitet der 49jährige die Niederlassung der Zürcher Privatbank Julius Bär in Düsseldorf und repräsentiert mittlerweile auch die Schweiz als Honorarkonsul für Nordrhein-Westfalen.

„Als Schweizer wird man in Deutschland extrem positiv wahrgenommen“, ergänzt Sauter. Man gelte gewissermaßen als positiver Exot. Diesem Schweizer-Bild der Deutschen konnten auch die Querelen der zurückliegenden Jahre um das Schweizer Bankgeheimnis und die Anflugrechte auf den Flughafen Zürich nichts anhaben.

Doch es gebe Schattenseiten. So werde er sich wohl nie an die hohen Abzüge vom Bruttolohn gewönnen. „Die Staats- und Obrigkeitshörigkeit ist in Deutschland sehr verbreitet. Das ist schon ein großer Unterschied zur Schweiz. In Deutschland ist der Bürger für den Staat da und in der Schweiz der Staat für den Bürger“, beobachtet Sauter. Auch für die unterentwickelte Aktienkultur in Deutschland hegt Sauter wenig Verständnis. „Man investiert lieber in Steine und Rentenpapiere als in Aktien.“

Für den deutschen Wealth Management-Markt rechnet Sauter mit einer Konsolidierung, was sowohl die Schweizer Banken als auch die angestammten Anbieter betreffe. Julius Bär werde allerdings von der Entwicklung profitieren. „Wir werden ab dem nächsten Jahr schwarze Zahlen schreiben“, beteuert Sauter. Schon heute verzeichne Julius Bär einen substanziellen jährlichen Nettoneugeldzufluss in Deutschland. Überdies werde die Bank nach der Integration von Teilen des Wealth Management-Geschäfts der Bank of America Merrill Lynch in Frankfurt die europäischen Kundenvermögen verbuchen.

Seine Entscheidung für Deutschland hat Sauter jedenfalls nie bereut: „Es ist ein spannendes Land. Ich fühle mich im Rheinland zuhause.“

Paolo Bizzozero, VWL-Student an der Berliner Humboldt-Universität Berlin mit ersten Erfahrungen im Wealth Management

Paolo Bizzozero aus Lugano hat es zum Masterstudium an die Berliner Humbold-Universität verschlagen. Zuvor hatte der 25jährige Tessiner einen Bachelor in VWL an der Uni in Lausanne absolviert. Bizzozero hat sich dabei bewusst für die deutsche Hauptstadt und gegen Zürich oder St. Gallen entschieden. „Man hat eine größere Freiheit, seine Kurse und Studienschwerpunkte an der Humboldt Universität selbst zu bestimmen“, erzählt Bizzozero. „Das finde ich bei einem Masterstudium sehr wichtig.“

bizzozeroDarüber hinaus scheint die pulsierende Metropole mit ihren fast 3,5 Mio. Einwohnern eine ganz besondere Anziehungskraft auf junge Schweizer auszuüben. Zum Vergleich: Lausanne zählt nur gut 130.000 und Lugano nicht einmal 61.000 Einwohner. „Berlin ist eine große Stadt, in der man viel unternehmen kann: Konzerte, Kultur etc. Man kommt auch gut mit dem Fahrrad voran und die Uni befindet sich anders als in Lausanne in der Stadtmitte. Die Stadt hat bei der Entscheidung schon eine große Rolle gespielt“, betont Bizzozero.

Dennoch hat Berlin auch einen Nachteil: Es gibt kaum Jobs in der Finanzbranche. „Das war mir damals nicht so bewusst“, sagt Bizzozero. Der Tessiner hat bereits ein Praktikum im Wealth Management der UBS in Lugano hinter sich und würde später gern bei Finanzdienstleistern oder Consulting-Unternehmen arbeiten. Er könne sich auch weitere Praktika, Traineeprogramme und einen Berufseinstieg in Deutschland vorstellen. „Wenn man zwei oder drei Fremdsprachen gelernt hat, dann möchte man diese auch anwenden und wer in Berlin gelebt hat, möchte erst einmal nicht zurück ins Tessin“, ergänzt Bizzozero. In vier oder fünf Jahren könne er sich indes eine Rückkehr in die Schweiz vorstellen.

Bei seinem Umzug vom Genfer See an die Spree stieß Bizzozero kaum auf Probleme. „Der Kulturschock war nicht so groß. Die Mentalitäten in der Schweiz und Deutschland sind nicht so verschieden“, erzählt Bizzozero. Außerdem seien von den 70 Studenten in seinem Studienprogramm allein 27 unterschiedliche Nationalitäten vertreten. Dennoch stellten gute Deutschkenntnisse einen großen Vorteil dar. „Wenn man Deutsch spricht, hat man sicherlich weniger Probleme als andere Personen, die nur Englisch sprechen“, meint der Tessiner. Allerdings sei es schon gelegentlich suboptimal, wenn er auf Deutsch eine Frage stelle und die Antwort auf Englisch erhalte. Schließlich wolle er auch die Sprache lernen.

Denn Deutschkenntnisse stellen in der Schweiz immer noch einen Karrierevorteil dar. „Vor allem in der Finanzindustrie ist es sehr wichtig, Deutsch zu sprechen“, erläutert Bizzozero. Desto kleiner die Bank sei, desto größer falle der Vorteil aus. Auch seine Vorgesetzten bei der UBS in Lugano hätten mit ihren Managern auf Deutsch gesprochen. Dabei hat Bizzozero in der Deutschschweiz interessanterweise ähnliche Schwierigkeiten wie viele deutsche Immigranten: „Das Schwyzerdütsch stellt schon eine Herausforderung dar.“

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