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INTERVIEW: Wie können Schwule und Lesben in Banken Karriere machen?

Christian D. Weis ist Konzernsprecher des Schwulen- und Lesben-Netzwerks bei der Commerzbank.

Christian D. Weis ist Konzernsprecher des Schwulen- und Lesben-Netzwerks bei der Commerzbank.

Christian D. Weis ist Sprecher des Schwulen- und Lesben-Mitarbeiternetzwerks der Commerzbank. Der 30jährige hat 1999 seine Ausbildung bei der zweitgrößten deutschen Bank begonnen und später noch ein Abendstudium absolviert. Heute steuert Weis das Eventmarketing der Mittelstandsbank.

Worum handelt es sich beim Schwulen- und Lesben-Netzwerk der Commerzbank überhaupt?

Arco wurde 2002 von einem offen schwul lebenden Kollegen angeregt, der Gleichgesinnten eine Plattform bieten wollte, um sich auszutauschen. Vor zehn Jahren sah die Bankenlandschaft noch ein wenig anders aus. Mittlerweile hat sich Arco als größtes GLBT-Netzwerk Deutschlands (Gay, Lesbian, Bi- und Transsexual) etabliert. Wir haben 400 Mitglieder.

Gibt es ähnliche Organisationen bei anderen Banken?

Das gibt es auch in anderen Banken. Beispielsweise haben die UBS in der Schweiz und die Volkswagen Bank ebenfalls ein Netzwerk. Das kommt nach und nach im Bankensektor in Schwung.

Gibt es heute in Banken noch Vorbehalte gegen Schwule und Lesben oder interessiert das heute keinen mehr?

Es wäre naiv und blauäugig zu behaupten, dass es heutzutage keine Diskriminierung mehr gäbe. Das wird faktisch nicht machbar sein. Auch in 20 Jahren wird es wahrscheinlich noch Leute mit Vorbehalten geben. Die entscheidende Frage ist, ob die Vorbehalte mehr oder weniger werden. Dazu würde ich ganz klar sagen: weniger.

Das liegt bei den Banken aber auch daran, dass es sich oftmals um große Unternehmen handelt, die –  ähnlich wie in der Commerzbank – ein aktives Diversity Management betreiben. Das ist in einem Großunternehmen eher der Fall als in einer kleinen Privatbank. Daher ist es von der Tendenz her für Schwule und Lesben schwieriger, je kleiner ein Unternehmen ist und je regionaler es aufgestellt ist.

In Frankfurt und bei der Commerzbank ist es natürlich aufgrund der Masse an Leuten aus den verschiedensten Kulturen einfacher. In einer Großstadt leben ohnehin mehr Schwule und Lesben. Dadurch können sich die Kollegen darunter etwas vorstellen, bei der Filiale auf dem Lande hat man dieses Verständnis unter Umständen nicht. Das heißt nicht, dass die Kollegen dort weniger tolerant sind, aber vielleicht muss man dort zwei, drei Sätze mehr erklären.

Wie hat sich die Einstellung gegenüber Schwulen und Lesben in Banken in den vergangenen Jahren verändert? Wie sind da Ihre persönlichen Erfahrungen?

Ich habe im Alter von 15 Jahren „gewagt“, mich bei einer Bank zu bewerben, weil ich schon immer zur Bank wollte. Ich komme aus einem 900 Einwohner Dorf aus der Pfalz, da hat man von Schwulen und Lesben noch nichts gesehen. Ich kannte das Thema nur aus dem Fernsehen und dort auch nur über bekannte Personen wie Dirk Bach, Ralph Morgenstern, die nicht unbedingt den Mainstream von Schwulen und Lesben repräsentieren.

Mir wurde dann auch ein Ausbildungsvertrag angeboten, den ich dankend angenommen habe. Das Willkommen-Seminar für alle Azubis fand in Mannheim statt. Dort wurde uns der Ausbildungschef der Commerzbank vorgestellt. Wir saßen mit unseren schlecht sitzenden Anzügen im Seminarraum und erwarteten natürlich jemanden mit Seitenscheitel, gegelten Haaren, Anzug, Einstecktuch und Krawatte. Stattdessen kam ein sehr aufgeweckter Mann in Bermudas und Hawaiihemd in den Seminarraum und sagte: „Hallo, ich bin Hartmut. Ich freue mich, dass ihr da seid.“ Es hat sich schnell herausgestellt, dass der Hartmut schwul ist und daraus hat er auch keinen Hehl gemacht.

Man konnte ihm abends bei einem Getränk auch fragen, wie es so bei der Commerzbank ist. Dabei habe ich sehr viele Fragen gestellt und dies hat Hartmut auch bemerkt. Schließlich habe ich mich gegenüber ihm geoutet, als erster Person überhaupt. Meine Eltern und meine besten Freunde wussten nicht, dass ich schwul bin. Ich hatte mein erstes Outing bei meinem Chef.

Er hat es mir ermöglicht, in eine Großstadt zu gehen und dort ein Netzwerk mit Gleichgesinnten aufzubauen, die ebenso wie ich schwul oder lesbisch waren. Das war sehr, sehr wichtig für mich. Dies war auch die Grundidee, die hinter der Gründung von Arco stand. Seit 2006 bin ich Konzernsprecher des Netzwerks.

Stellt es heute also kein Problem mehr für die Karriere in einer Bank dar, offen schwul oder lesbisch zu leben?

Karriere ist natürlich ein dehnbarer Begriff. In der Wirtschaft haben wir noch wenige Beispiele, dass hohe Manager offen sagen, dass sie schwul sind. Das ist in der Politik mit Klaus Wowereit und Guido Westerwelle anders. Wenn man eine Führungsposition in der Wirtschaft – gerade auch in Banken – ausübt, dann spielt Vertrauen eine ganz große Rolle. Falls man dann nach vielleicht fünf Jahren sagt: „Ach, übrigens ich habe euch angeschwärzt, ich habe gar keine Frau, ich bin schwul“, dann ist das Vertrauen nicht mehr da und Vertrauen stellt die Basis für eine erfolgreiche Karriere in einer Führungsposition dar.

Wenn man aber von Anfang an offen mit dem Thema umgeht, dann ist das leichter. Zunächst muss man sich die Frage stellen: Möchte ich in einem Unternehmen arbeiten, wo ich mich nicht entfalten kann oder gebe ich mein Bestes in einem Unternehmen, wo ich gefördert werde und es egal ist, ob ich schwul oder lesbisch bin. In diesem Fall kann ich meine Energie ganz anders einsetzen, was sich positiv auf die Karriere auswirkt.

Das Versteckspiel ist nur hinderlich. Ich habe mit vielen Kollegen gesprochen, die sich jahrzehntelang versteckt haben, die sich Excel-Listen erstellt haben und hineinschreiben, wann sie mit wem gesprochen haben und welchen Namen sie da genannt haben. Beim einen habe ich die Susi genannt und beim anderen die Petra. Jetzt muss ich mir das merken, dass es beim nächsten Mal nicht zur Verwirrung kommt. Daher legen die sich eine Excel-Datei an, damit sie nachvollziehen können, wann sie welches Lügenkonstrukt entworfen haben, denn das muss ja weitergesponnen werden. So etwas kostet 20 bis 30 Prozent der Arbeitsenergie. Wenn man diese Energie stattdessen anders investiert – in seine Weiterbildung z.B. – dann kann man auch nur besser werden.

In manchem Unternehmen kann das noch ein Problem sein, weil die Entscheider einfach noch nicht  so weit sind, aber in einem Unternehmen wo Diversity gefördert wird, kann jeder – egal ob schwul, lesbisch oder hetero – seine Karriere vorantreiben und es kommt nur auf die Leistung an.

Folglich spielt die Arbeitgeberwahl für Schwule und Lesben mit Karriereambitionen eine besonders wichtige Rolle? Wie findet man den richtigen Arbeitgeber?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten: Zum einen sind dies externe Kommunikationen wie die Charta der Vielfalt. Dabei handelt es sich um eine Initiative der Bundesrepublik Deutschland. In dieser Charta können sich Unternehmen registrieren lassen, die gewisse Diversity-Standards erfüllen.

Weiter gibt es auf den Karriereseiten der Unternehmen entsprechende Möglichkeiten, sich zu informieren. In der Commerzbank haben wir dort einen eigenen Bereich für das Diversity-Management. Auch Arco wird dort genannt.

Der beste und einfachste Weg ist immer mit den Leuten, die dort arbeiten, direkt ins Gespräch zu kommen. Das wird auch getan. Ich merke dies an den Anfragen von außerhalb. Die Leute fragen mich, wie das Netzwerk von Schwulen und Lesben aussieht.

Für Schwule und Lesben stellen solche Fragen einen wichtigen Bestandteil für die Entscheidung dar, zu welchem Arbeitgeber man geht. Das gilt natürlich vor allem, wenn man die Wahl hat. Und wir als Commerzbank wollen ja die guten Leute haben. Daher handelt es sich auch aus Arbeitgebersicht um ein wichtiges Differenzierungsmerkmal.

Wie viele Leute gibt es noch in der Bankenbranche, die ein Coming-out fürchten?

Es gibt eine Untersuchung von dem Kölner Psychologen Dominic Frohn mit dem Titel: „Out im Office“. Dabei geht es um die Diskriminierungsquote in deutschen Unternehmen. Demnach verhält sich dies nach Branchen unterschiedlich. Im Bund herrscht z.B. ein anderes Klima als in der Werbebranche.

Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Doch wie sieht es in der Bankenbranche aus?

Das Banking hat in der Untersuchung einen guten Platz erreicht. Entsprechend sind in der Branche auch mehr Schwule und Lesben tätig. Dafür kann es verschiedene Gründe geben: So weisen viele GLBT einen höheren Bildungsabschluss auf; folglich sind sie in Branchen stärker vertreten, die viele Mitarbeiter mit höheren Ausbildungsabschlüssen einstellen. Dazu gehört sicher auch die Bankenwelt. Darüber hinaus befinden sich die Banken eher in Großstädten – ähnlich wie die GLBT. Was die Diskriminierung betrifft: Die Situation ist deutlich entspannter als in anderen Branchen.

Wie häufig werden Sie noch von Leuten kontaktiert, die ihr Coming-out fürchten?

Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, sich an Leute zu wenden. Sich an mich zu wenden, ist eine Möglichkeit davon. Wir haben aber auch regionale Koordinatoren, auch die kann man kontaktieren. Der Betriebsrat ist eine weitere Anlaufstelle. Mir wurde schon seit Ewigkeit nichts mehr weitergeleitet, dass da etwas im Argen liegt. Das spricht dafür, dass die Diskriminierung abnimmt oder gar nicht mehr vorhanden ist. Es geht eher um die Frage: „Was empfiehlst Du mir? Soll ich mich outen oder nicht?“

Wie sieht die Schwulen- und Lesben-Szene in Frankfurt aus?

In Frankfurt ist die Szene, was das Partyleben angeht, zurückgehend. Dagegen gewinnt das seriöse Wirtschaftsleben an Bedeutung. So gibt es beispielsweise den Völklinger Kreis, was ein Berufsverband schwuler Führungskräfte ist. Die Szene besteht also weniger in Clubs, Bars, Parties, sondern eher im gemeinsamen Verständnis der Lebensweise.

Also darf man sich die Szene nicht so schrill vorstellen wie vielleicht in Köln oder Berlin?

Die müssen Sie sich relativ unspannend vorstellen. Wenn Sie auf eine Veranstaltung des Völklinger Kreises gehen, dann werden Sie viele Mittfünfziger mit gut sitzenden Anzügen sehen, die ein Glas Wein in der Hand haben und sich über die aktuelle Wirtschaftslage unterhalten. Das ist auch das Ziel: Wir wollen die Normalität wiedergeben und das ist nicht immer das Schrille, Bunte, Federboa  behangene Klischee. Das gehört auch dazu, das bringt Aufmerksamkeit, aber unsere Botschaft besteht eher in der Normalität.

Wir wollen nicht die sexuelle Komponente, sondern die soziale Komponente in den Vordergrund stellen: Auch ich möchte ein Bild von meinem Partner auf meinen Schreibtisch stellen, auch ich möchte in den Schulferien Urlaub nehmen, weil mein Freund Lehrer ist, auch ich möchte Sonderurlaub haben, wenn ich meine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehe und ich möchte ebenfalls eine Glückwunschkarte erhalten wie jemand, der heiratet. Ich möchte nur das Selbstverständliche, nicht mehr, nicht weniger.

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