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Wieso Goldman Sachs gerne Mitarbeiter vom Genfer Teilchenbeschleuniger CERN anheuert

Der Teilchenbeschleuniger CERN bei Genf. (Foto: Florian Hirzinger)

Der Teilchenbeschleuniger CERN bei Genf. (Foto: Florian Hirzinger)

Vergessen Sie die angelsächsischen Elitenunis. Die begehrtesten Talente für „Quantitative Finance“ scheinen sich vielmehr beim weltgrößten Teilchenbeschleuniger CERN im Kanton Genf zu finden. So hat z.B. die US-Investmentbank Goldman Sachs gerade Ryan Buckingham angeheuert, der eine Promotion in Teilchenphysik der Universität Oxford  besitzt und dreieinhalb Jahre am CERN verbracht hat, bevor er jetzt in der Strukturierung von Krediten und Hypotheken bei Goldman Sachs anfängt. Buckingham wollte sich gegenüber eFinancialCareers nicht zu seinem Karriereschritt äußern und auch Goldman Sachs antwortete nicht auf eine Bitte um Stellungnahme. Dennoch scheint der Karrierepfad vom CERN ins Investmentbanking durchaus ausgetreten zu sein.

„CERN ist DER Platz, wo Sie Leute mit einer Top-Promotion in Physik oder Computerwissenschaften finden“, sagt Dominic Connor von P&D Quant Recruitment, der sich auf das Headhunting von Quants spezialisiert hat. „Beim CERN zu arbeiten, ist doch noch etwas mehr, als nur eine Promotion zu haben. Es gibt eine Menge Leute mit Doktortiteln, doch wenn jemand beim CERN gearbeitet hat, dann wissen Sie, dass er tatsächlich sehr gut ist.“

Buckingham ist auch nicht der einzige Ehemalige des CERN, der in den Finanzdienstleistungen arbeitet. So war auch Alexey Afonin hier tätig, der heute als Vice President im Bereich Strategien und Modellierung bei Morgan Stanley arbeitet. Anne Richards ist heute Chief Investment Officer bei Aberdeen Asset Management und Nikolaos Prezas Quantitative Researcher bei JP Morgan. Die Liste der CERN-Alumnis, die ihren Weg ins Finance gefunden haben, ließe sich mühelos verlängern.

Auf unsere Anfrage, ob es für das CERN ein Problem darstellt, Personal an die Finanzdienstleistungen zu verlieren, antwortete das Genfer Forschungsinstitut nicht. Die Recruitment-Website des CERN zeigt indes einen entspannten Mann mit Ziegenbart, der durch die idyllische Schweizer Landschaft radelt. Kein Mensch würde glauben, dass jemand ein solches Leben gegen die Arbeit bei einer Investmentbank eintauschen würde.

Doch ein ehemaliger CERN-Mitarbeiter und heutiger Banker erzählt, dass die Arbeit beim Teilchenbeschleuniger nicht ganz so aufregend ist, wie man vielleicht denkt. „Das CERN kann einen sehr interessanten Arbeitsplatz mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen bieten, doch es ist auch hochpolitisch und bürokratisch“, sagt der CERN-Alumni, der namentlich nicht genannt werden wollte. „Im Grunde sind Sie nichts anderes als ein hoher internationaler Beamter – ein Funktionär. Und viele Jobs sind recht langweilig.“

Der große Vorteil des CERN besteht darin, dass die internationalen Mitarbeiter steuerfreie Gehälter und großzügige Zuschüsse zu den Schulgebühren ihrer Kinder erhalten. Der Nachteil bestehe wiederum darin, dass die meisten Mitarbeiter mit Arbeitsverträgen von bis zu fünf Jahren beschäftigt sind. Danach müssten sich die CERN-Mitarbeiter um die umkämpften unbefristeten Verträge bewerben. Nur wenigen gelänge es, einen solchen zu erhalten.

„Soweit ich weiß, besitzen nur 10 bis 20 Prozent der CERN-Mitarbeiter einen unbefristeten Arbeitsvertrag und bei den meisten handelt es sich um Franzosen“, ergänzt der Banker und ehemalige CERN-Mitarbeiter. „Ich habe immer exzellente Beurteilungen erhalten und plötzlich wurde mir gesagt, dass ich nicht gut genug wäre“, ergänzt er. Viele ehemalige CERN-Mitarbeiter wechselten ins Banking, nachdem sie ihre Zeit bei dem Teilchenbeschleuniger verbracht haben und einen Job brauchen, wenn kein unbefristeter Arbeitsvertrag zur Verfügung steht. Dies soll natürlich nicht heißen, dass dies auch die oben genannten Personen zum Wechsel ins Banking motiviert habe. Darüber hinaus mag es auch aufregend sein, vom eher beschaulichen Genfer Vorort Meyrin in ein pulsierendes Finanzzentrum umzuziehen. „Das CERN ist schon ein wenig verrückt“, erzählt der ehemalige CERN-Mitarbeiter, „es ist wie eine Insel und es herrscht ein extremer Wettbewerb.“ Als ob dies im Banking anders wäre.

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