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AUSZUG: Wie Julius Bär Wikileaks zum Durchbruch verhalf

Da war sie bereits angekommen: die erste Reaktion von Julius Bär. Die Initialzündung unseres Kampfes gegen die Mächtigen. Die Feuerprobe! Die Mail erreichte uns am 15. Januar 2008, um 20.30 Uhr.

Absender war der Anwalt einer Kanzlei mit Sitz in Kalifornien, die normalerweise Hollywoodstars vertrat. Er forderte uns in herablassendem Ton auf, den Urheber der Dokumente zu benennen und das Material von der Seite zu löschen. “Heilige Scheiße”, schrieb Julian. “Guck dir die an.” “Wir werden sie fertigmachen”, tippte ich zurück.

Offizielle Schreiben von Gerichten oder Behörden klingen immer so, als wären sie einzig dazu verfasst, beim Adressaten größtmögliche Ohnmachts- und Wutgefühle auszulösen. Diesmal blieb abzuwarten, wer den Kürzeren zog. Es war zugleich der erste Test, ob sich das System, das in der Theorie so großartig ausgetüftelt war, in der Praxis bewährte.

Wir baten die Kanzlei um konkretere Angaben. Um welchen Klienten es sich denn handelte, fragten wir nach. Wir würden gerne den für diesen Fall geeigneten Anwalt auswählen.

Bald gingen weitere Mails ein. Zahlreiche amerikanische Medien- und Bürgerrechtsbewegungen schlugen sich auf unsere Seite. Schließlich ging es um ihre ureigensten Interessen: Informantenschutz und Pressefreiheit. Das grundsätzliche Problem, dass Mitarbeiter, die über Unrecht in ihren eigenen Unternehmen berichten wollten, daran aber durch interne Knebelverträge und Verschwiegenheitsklauseln gehindert wurden, war ja weithin bekannt und debattiert worden. Die Whistleblower-Thematik war in den USA auch schon viel weiter gediehen als in Deutschland, wo Geheimnisverräter eher als Denunzianten denn als Helden der Informationsfreiheit betrachtet wurden.

Doch zunächst sah es so aus, als würde uns die Gegenseite zu packen kriegen. Bei dem zuständigen kalifornischen Richter erwirkten die gegnerischen Anwälte eine einstweilige Verfügung. Der kalifornische Klageort hatte einen einfachen Grund: Die wikileaks.org-Domain war dort registriert. Die Kanzlei hatte geltend gemacht, dass die “Betriebsgeheimnisse” von einem “ehemaligen Mitarbeiter gestohlen” worden waren, der damit gegen eine “schriftliche Vertrauensvereinbarung” verstoßen hätte. Der Richter gab dem Antrag statt. Die Seite wikileaks.org wurde daraufhin vom Netz genommen. Sie hatten uns gelöscht. Das dachten sie zumindest. Sie hatten ja keine Ahnung von diesem Teil des Prinzips WikiLeaks, das bedeutete: Sobald man eine Seite vom Netz nahm, ploppten an anderer Stelle gleich hundert weitere auf. Deshalb war es quasi unmöglich, uns mundtot zu machen.

Ein weltweiter Sturm der Empörung brach los. Unsere Telefone klingelten ununterbrochen. Journalisten aus vielen Ländern wollten mit uns sprechen, wir brauchten Tage, um alle Mails zu beantworten. Wegen der Zeitverschiebung schlief ich kaum noch. Es entstanden zahlreiche Artikel und Sendungen, in denen die Medien über den Fall berichteten.

Die Journalisten waren so klug, auf die etwa 200 weiteren Websites hinzuweisen, über die WL nach wie vor erreichbar blieb. Die New York Times widmete dem Fall mehrere Artikel und veröffentlichte unsere IP-Adresse: Das Ganze gipfelte in der Headline von CBS News: “Freedom of Speech has a Number”. Die Redefreiheit hat eine Nummer. Und diese Nummer war die IP-Adresse von Wikileaks: 88.80.13.160. WIR waren die Nummer. Eine ganz schön große sogar.

So wurden wir Anfang 2008 innerhalb weniger Tage bekannt. Ohne die Klage von Julius Bär hätten wir das niemals so schnell erreicht. Wir bekamen danach viel Zuspruch, Hilfsangebote und neue Dokumente. Ich weiß nicht, wann sich mein Leben davor schon einmal so rasant angefühlt hatte.

Die Krönung aber war, dass wir den arroganten Anwälten Paroli bieten konnten. Nach knapp zehn Tagen revidierte der Richter sein vorschnelles Urteil, und die Seite wurde wieder freigeschaltet. Dafür ist wohl nicht zuletzt der öffentliche Druck verantwortlich gewesen. Eine Woche später ließ auch das Bankhaus Julius Bär die Klage fallen. Erst vor kurzem habe ich gelesen, dass der Geldzufluss der Bank durch europaweite Ermittlungen zum Steuerbetrug im Jahr 2010 drastisch zurückgegangen ist. Es gab übrigens nie wieder eine Klage gegen Wikileaks.

Wir publizierten den gesamten Schriftverkehr, der zwischen uns und den Anwälten hin- und herging. Hätte Julius Bär die Publikation stillschweigend akzeptiert, wäre der Schaden für die Bank deutlich geringer gewesen.

Daniel Domscheit-Berg ist ein Weggefährte von WikiLeaks-Gründer Julian Assange gewesen. Bei dem Text handelt es sich um einen gekürzten Auszug aus seinem Buch: “inside WikiLeaks. Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt”, erhältlich beim Econ-Verlag für 18 Euro.

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