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GASTKOMMENTAR: Über den Irrsinn der Bankenwelt – ein Erfahrungsbericht

Nachdem ich im Trubel der Finanzkrise auf der Straße gelandet war, standen mir plötzlich wieder mehrere Möglichkeiten offen. Schließlich habe ich mich für eine solide und konservative Adresse entschieden, wobei ich einen Abschlag beim Salär von 30 Prozent in Kauf nehmen musste, was immer noch besser als Hartz IV ist.

Also auf zu neuen Ufern. Die Familie habe ich allerdings nur noch per Skype oder am Wochenende gesehen, denn der neue Job war mit einem Ortswechsel verbunden. Gerade als ich die ersten Tage im neuen Büro  mit der Einführung in die IT, dem Ausfüllen eines Compliance-Bogens und anderen Wünschen der Personalabteilung verbracht hatte, rollten bereits die ersten Köpfe in der neuen Abteilung.

Als ich mich also durch den Dschungel der neuen Umgebung des Büroalltags und der neuen Stadt gekämpft hatte – Mietwohnung suchen in den entsprechenden Lagen, Alltagsbesorgungen etc. – stellte sich langsam Routine ein.

Bezüglich der IT habe ich mich jedoch gefragt, wie eine solche steinzeitliche Ausstattung im Banking heutzutage noch funktionieren kann. Weiter musste ich erfahren, dass die Zahlen bei meinem neuen Arbeitgeber eher rot als schwarz ausfielen, die Aufsichtsbehörden regelmäßig die Software und den Risikomessungsstandard bemängelten und kurzfristig externe Prüfungen anberaumten. In der internen Kommunikation wird hingegen alles rosarot dargestellt. Dass die Ablaufprozesse nicht dem Standard entsprechen, interessierte nicht wirklich – es ist noch immer gut gegangen.

Wer also die Unternehmenskultur nicht schon mit der Muttermilch der ebenfalls dort tätigen Eltern, Großeltern und weiteren Vorfahren aufgesaugt hat, wird es schwer haben, den Arbeitsprozess zu verstehen, geschweige denn eine Änderung anzustoßen.

Also geht man innerlich (hinter-)fragend seinem täglichen Trott nach und freut sich, seine Familie am Wochenende zu sehen und sagt sich immer wieder, dass man einen Job hat.

Unterdessen erlebte ich, wie weitere Köpfe rollten, neue Gesichter kamen und die Weihnachtsfeier gestrichen wurde. Das Ergebnis eines Prüfungsberichts macht indes den Weg zu einer Erneuerung der IT frei … mit weiteren Konsequenzen für das Personalkarussell.

Denn infolge der defizitären Geschäftsentwicklung und der Ausgaben für die neue IT werden diverse „Versetzungen” fällig. Glücklich darf sich dabei derjenige schätzen, der nur innerhalb des Hauses versetzt wird. Die übrigen Betroffenen müssen die Koffer packen und umziehen; ich werde sogar ins Ausland versetzt.

Beim Gehalt bleibt indes alles beim Alten, obgleich bei Umzügen ins Ausland zumeist höhere Lebenshaltungskosten in Form von Miete, Grundnahrungsmitteln und Reisen zur Familie anfallen. Einen Höhepunkt im bisherigen Wahnsinn ist jedoch, dass in dem neuen Vertragsentwurf eine neue Probezeit vorgesehen ist – trotz der längeren Konzernzugehörigkeit. Dies dürfte allerdings juristisch zumindest fragwürdig sein.

Kaum in der neuen Abteilung angekommen, geht der Horror weiter: Sämtliche Arbeits- und Schulzeugnisse werden nach erfolgter Vertragsunterzeichnung von der neuen Personalabteilung angefordert, das ist selbstverständlich nur der Routine der Personaler-Liste „Neue Mitarbeiter” zuzuschreiben. Dabei ist es völlig gleichgültig, dass ich schon im Konzern angestellt war. Es bleibt dabei: Die Gedanken sind frei und man ist zu Dank verpflichtet, dabeibleiben zu dürfen.

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