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INTERVIEW: Wie man Banker gegen Entführung und Erpressung versichert – ein ungewöhnlicher Job

Im Geschäft mit Versicherungen gegen Entführungen und Lösegeldzahlungen gibt es nur wenige bedeutende Anbieter. Dazu zählt die Chubb Group und die Schlüsselperson in diesem Geschäft heißt Greg Bangs, der dort Produktmanager Worldwide Crime ist. In einem Interview mit eFinancialCareers erläutert Bangs die Herausforderungen der Branche und wie man dort einsteigen kann.

Worin besteht die Arbeit im Geschäft mit Versicherungen gegen Kidnapping und Lösegeldzahlungen?

Ich arbeite im Underwriting und meine Aufgabe besteht vor allem darin, die Strategien und Produktlinien zu entwickeln, die die Chubb-Versicherungsgruppe im Bereich Kidnapping- und Lösegeldversicherungen anbietet. Ich beurteile, wie Chubb auf die sich verändernden Marktbedingungen, politische Instabilität und wachsende Entführungsrisiken in bestimmten Ländern reagiert und entwickle auf dieser Grundlage die Preisstrategien für unsere Produkte. Wie in jedem anderen Versicherungsbereich auch, arbeite ich dabei eng mit unseren Aktuaren zusammen.

Wie sind Sie in das Geschäft geraten?

Nachdem ich die Uni in 1980 abgeschlossen hatte, habe ich mich nach einer Stellung in der Finanzbranche umgeschaut und erkundete verschiedene Optionen sowohl bei Versicherungen als auch im Investmentbanking und Trading. Versicherungen werden meist als ruhiger, biederer und traditioneller Arbeitsplatz gesehen, aber als ich die Versicherungen gegen Kidnapping, Lösegeldzahlungen, politische Risiken und Kriminalität entdeckt habe, war ich davon fasziniert. Dabei handelte es sich damals um ein relativ junges Gebiet; es war dynamisch, aufregend und mit der geopolitischen Lage in exotischen Ländern verknüpft. Das gab für mich den Ausschlag.

Welches sind die Länder, in denen das Risiko von Entführung und Erpressung besonders hoch sind?

Mexiko stellt die Nummer 1 dar. Die Zahl der Entführungen ist dort in den zurückliegenden Jahren geradezu explodiert. Statistiken zu Kidnapping lassen sich unglaublich schwer finden, weil die meisten gar nicht erst registriert werden. Die jüngste Statistik gibt die Zahl von 5000 bis 7000 Fällen in Mexiko für 2011 an. Wir schätzen aber, dass die tatsächliche Zahl eher zwischen 10.000 und 12.000 Fällen liegt.

Wieso ist das Risiko so hoch?

Die Eskalation von Entführungen in Mexiko hängt größtenteils mit der Drogengewalt zusammen. Entführungen und Erpressung stellen für viele Drogenkartelle eine extra Geldquelle dar, weshalb auch andere in das Geschäft einsteigen. Für sie ist das eine weitere Branche geworden. Darüber hinaus hat das militärische Durchgreifen zur Tötung von einigen Schlüsselpersonen des Drogengeschäfts geführt, womit sich einige Leute nach neuen Geldquellen umschauen mussten. Die Erpressung von Lösegeld ist eine bewährte und relativ leichte Option.

Wie legen Sie fest, wen Sie versichern und wie hoch die Prämien ausfallen?

Wenn sich jemand an uns wendet, dann müssen wir entscheiden, ob wir eine Police anbieten können, die für den Kunden sinnvoll ist und sich für Chubb rechnet. Dazu erwägen wir eine Reihe von Faktoren, was Personen oder Unternehmen zu Zielen werden lässt – z.B. wie hoch das Profil der Person oder des Unternehmens ist, ob es eine Kidnapping-Vorgeschichte gibt, in welche Länder die Mitarbeiter reisen oder ob sie in einer umstrittenen Branche arbeiten.

So können beispielsweise Unternehmen, die Produkte an Tieren ausprobieren – oder auch nur verdächtig werden, Tierversuche durchzuführen – ins Fadenkreuz von Tierschützern geraten, während Unternehmen, die genetisch veränderte Lebensmittel produzieren, ebenfalls als besonders gefährdet eingestuft werden können.

Wie sieht es mit Spitzenverdienern aus, wie sie in den Finanzdienstleistungen arbeiten?

Ja, solche Personen können auch einem erhöhten Risiko unterliegen. Seitdem die Finanzdienstleister sich in Entwicklungsländen engagieren, wo die Risiken hoch sind, haben wir einen bedeutsamen Anstieg der Nachfrage nach Entführungs- und Lösegeld-Versicherungen festgestellt. Dazu zählen beispielsweise Infrastruktur- und Finanzierungsgeschäfte im Irak, der eine ausgedehnte Periode von Kampf und Unsicherheit hinter sich hat.

Weiter gibt es Lateinamerika, das immer attraktiver für Investmentbanken und Kapitalmarktunternehmen wird. Mexiko habe ich bereits erwähnt, aber Venezuela steht auf Platz zwei des Rankings mit etwa 2000 registrierten Entführungen in 2011 und diese Zahl wächst aufgrund der wirtschaftlichen Turbulenzen in einer alarmierenden Geschwindigkeit. In Brasilien stellt das „Express-Kidnapping“ ein besonderes Problem dar, wo Personen mit gezogener Waffe zum Anhalten gezwungen werden – normalerweise nach dem Abendessen um 23.55 Uhr – und dazu genötigt werden, das Doppelte ihrer täglichen Abhebesumme aus einem Geldautomaten zu ziehen. Dieses „Express-Kidnapping“ wird immer gewalttätiger mit Schlägen und Vergewaltigung.

Absolut. Die Anforderungen sind sehr ähnlich: Sie müssen schlau und wissbegierig sein und analytische Fähigkeiten mitbringen, wie sie im Underwriting verlangt werden. Der Schlüssel besteht darin, Trends zu verfolgen und die geopolitische Landschaft in verschiedenen Teilen der Welt zu verstehen und welchen Einfluss diese auf das Geschäft mit Entführungs- und Lösegeldversicherungen haben.

So ist beispielsweise die Häufigkeit von Entführungen in der Sahelzone nicht besonders hoch, dafür sind die Fälle aber wesentlich gravierender. Die meisten Lösegelder belaufen sich auf 2 Mio. Dollar, doch in manchen Regionen sind es sogar 50 bis 60 Mio. Dollar – in einem Fall waren es sogar 90 Mio. Dollar. Solche Trends zu verfolgen, kann Ihnen sicher dabei helfen, in den Bereich der Kidnapping- und Lösegeldversicherungen zu wechseln.

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