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GASTKOMMENTAR: Was Sie wissen sollten, bevor Sie in die Schweiz ziehen

zurich

Chris Rowe ist Direktor der Leathwaite International AG, die globale Personalberatung für Kaderpositionen in „Infrastructure” oder „Corporate functions” bei Finanzunternehmen anbietet. Rowe hat in einem Gastbeitrag für unsere englische Seite einen Ratgeber verfasst, worauf sich Londoner einstellen müssen, wenn sie in die Schweiz ziehen.

Haben Sie genug von London? Als ein Londoner Headhunter in den Finanzdienstleistungen, der vor einigen Jahren nach Zürich umgezogen ist, bin ich in der Lage, die Einwanderung von Talenten in die Schweiz zu kommentieren. Hier acht Punkte, die Sie beachten sollten, falls Sie einen Umzug in die Schweiz erwägen.

1. Es ist nicht alles eitel Sonnenschein auf dem Arbeitsmarkt

Das Wichtigste zuerst: Es gibt immer noch einige gute Chancen in der Schweiz. Allerdings werden sich die Leute nicht darum schlagen, Sie einstellen zu dürfen. Während im Schweizer Investmentbanking abgebaut wird, haben andere Branchen wie das (Rück-)Versicherungsgeschäft und das Wealth Mangement mit eigenen Problemen zu kämpfen. Denn alle großen Unternehmen stehen hier unter Kostendruck – ganz gleich um welchen Sektor es sich handelt. Ganz besonders gilt dies für Unternehmen, die ihre Hauptverwaltung mit harten Schweizer Franken bezahlen müssen, wobei die Gehälter in der Schweiz selbst bei jüngeren und Verwaltungsmitarbeitern sehr hoch ausfallen. Zürich hat auch damit zu kämpfen, dass sich die kleineren Privatbanken an das veränderte regulatorische und politische Umfeld anpassen müssen, was z.B. das Bankgeheimnis und die Steuervermeidung von Kunden betrifft. Aufgrund dieser Konsolidierung sind auch sehr gute Schweizer Kandidaten auf dem Markt verfügbar, mit denen Sie konkurrieren müssen.

2. Ihr großartiger Lebenslauf zählt hier womöglich weniger als Sie erwarten

Sie sollten nicht glauben, dass die Leute in der Schweiz beeindruckt sind, dass Sie in London der Ansprechpartner für alle Probleme waren – bis hin zu den exotischsten Derivaten, die sich jemals ein Mensch ausgedacht hat. Das können Sie vergessen. Wenn Sie gut sind, dann wird sich das schon im Laufe der Zeit herausstellen.

Obgleich Sie sicher nicht wegen Ihrer enzyklopädischen Kenntnisse des Schweizer Bankgeheimnisses oder der Regulierung seitens der Finma eingestellt wurden, sollten Sie sich dennoch ein wenig hiermit beschäftigen.

3. Auch in der Schweiz müssen Sie Steuern zahlen, wahrscheinlich jedoch weniger

So mancher glaubt, nur weil die Schweiz im Ruf steht, eine Steueroase zu sein, dass es hier keine Steuern gäbe. So werden Sie bei Ihrer Verabschiedung in London wenigsten fünf Leute beiseite nehmen und fragen: „Die Schweiz? Da gibt es doch keine Steuern?“ – bevor sie fragen, wie weit Sie von Verbier entfernt wohnen.

Die Wahrheit sieht indes ein wenig anders aus. Kantone wie Genf haben in der Vergangenheit Flatrate-Steuern mit ausländischen Unternehmen abgeschlossen, die eine bestimmte Zahl von Spitzenverdienern in die Schweiz mitbrachten. Doch dies wird heute immer schwieriger. Vielmehr sollten Sie als Spitzenverdiener in Großbritannien davon ausgehen, dass Sie in der Schweiz weniger zahlen werden.

4. Lebenshaltungskosten: Sie sollten nichts in Pfund umrechnen, das ist zu schmerzhaft

Sie ziehen nicht nur in ein anderes Land, sondern auch in einen anderen Währungsraum. Es lässt sich kaum leugnen, dass die Schweiz teuer ist.

Die Gehälter in den Finanz- und Rohstoffhandelszentren sind allgemein hoch. Im Unterschied zu gegenteiligen Äußerungen verdient die Mehrheit der Beschäftigten in den Finanzdienstleistungen sogar mehr als in London. Nur für die absoluten Spitzenkräfte im Frontoffice trifft dies nicht zu. Selbst Zeit- und Hilfsarbeitskräfte in Bars und Cafés verdienen gut. Doch leider sind auch die meisten Güter und Dienstleistungen sehr teuer. Daran müssen Sie sich gewöhnen. Falls Sie richtig planen, dann sollten die zusätzlichen Ausgaben für den alltäglichen Bedarf durch die niedrigeren Steuern und höheren Gehälter kompensiert werden. Bei den Fleischpreisen sollten Sie sich zusammennehmen: Diese treiben einem selbst in einem Supermarkt die Tränen in die Augen.

5. Die Steuern hängen vom Wohnort ab

Der Einkommenssteuersatz wird von den Kantonen festgelegt. Das variiert ein wenig, was auch vom Personenstand und dem Vermögen abhängt.

Wenn Sie in der Zürcher Innenstadt oder in Genf wohnen möchten und Sie Ihren Arbeitsplatz mit der Jacke lässig über die Schulter geworfen zu Fuß erreichen wollen, dann wird Sie das sicherlich einiges kosten. So herrscht in Genf das höchste Mietniveau in der gesamten Schweiz. Sie kriegen dort weniger für Ihr Geld und zahlen auch noch höhere Steuern – das ist keine schöne Kombination.

6. Sprache: Schon ein wenig Deutsch oder Französisch kann weiterhelfen

Vielleicht denken Sie an Roger Moore, der in Richtung Kellner eine Augenbraue hebt und mit einem präzisen Nicken auf ein Gericht in der Speisekarte deutet. Doch im Kopf des Kellners sind Sie ein typischer Brite, der kein Fettnäpfen auslässt und wie in Zeitlupe sagt: „With Chips“. Gleich ob Deutschschweiz oder Romandie – es kommt immer gut an, wenn sich jemand Mühe gibt.

Falls Sie für ein internationales Unternehmen arbeiten, dann stehen die Chancen gut, dass die Arbeitssprache Englisch ist. Sicher sprechen die meisten Schweizer besser Englisch als Sie Deutsch oder Französisch – obgleich sie ihre Sprachkenntnisse gern herunterspielen. Und sicherlich werden Sie auch in peinliche Situationen geraten, wie sie in einer Sketchshow vorkommen könnten, sobald Sie etwas in einem Geschäft kaufen. Dennoch sollten Sie zumindest die Grundlagen lernen – dies wird sich auszahlen. Schweizer sind sehr offen: Das was Sie geben, erhalten Sie auch zurück.

7. Die Schweiz ist nicht langweilig – aber vielleicht sind sie es

Falls Sie zu den Lesern dieser Website zählen, dann würde ich mich wundern, wenn Ihr neuer Arbeitgeber anderswo als in Zürich, Genf, Zug, Luzern oder vielleicht Winterthur angesiedelt ist. In diesem Fall können Sie ganz entspannt sein. Sicher ist alles ein wenig kleiner als in London, dennoch gibt es ausgezeichnete Restaurants, Theater, Kunstszenen, Bars und Musikevents. Wahrscheinlich ist das Angebot weniger abwechslungsreich als in London. Doch sollten Sie sich auch als Londoner keine Sorgen machen. Denn wann waren Sie eigentlich das letzte Mal im Observatorium in Greenwich, im Globe oder in Kew Gardens? Es kommt ganz darauf an, was Sie daraus machen. Wenn Sie unvoreingenommen sind, dann wird es Ihnen hier gefallen.

8. Vergessen Sie die Pork-Scratchings und kaufen Sie sich ein Fahrrad

Das Klima, die Sportmöglichkeiten und die Landschaft lassen einen leicht die Pubs in der Londoner City vergessen. Biking, Wandern, Schifahren und Schwimmen – das alles lässt sich hier genießen. Falls Sie mit Ihrer Familie umziehen, dann ist die Schweiz ideal und die Lebensqualität ist zweifelsohne sehr gut.

Kommentare (2)

Comments
  1. Ich habe selber fast fünf Jahre in der Schweiz gelebt und gearbeitet. Meine Erfahrungen habe ich in einem Buch zusammengefasst. “Vorsicht! Eidgenossen. – Wegleitung zur Selbsterkenntnis.” spiegelt genau das wieder, was Chris Rowe beschreibt, nur ein wenig ausführlicher.

    Lebensqualität ja, aber man ist mit einer anderen Nationalität weniger Willkommen als in anderen Ländern. Und das betrifft alle Nationalitäten dieser Erde.

  2. Hallo – Al aus Zug – dem ist so, nur: wir in der Schweiz mögen es, wenn ihr Neuzuzüger nicht nur mit den Arbeitskollegen, alle auch Neuzuzüger seid, sondern euch auch im Gesellschaftsleben integriert:
    – Turnverein, Chor, Freiwilllige Arbeiten, Dorfchilbi etc. – Das ist der feine Unterschied – just do it!
    Al

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