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Vom Sprint zum Marathon: Schweizer Bewerbungsprozesse werden immer länger

Womöglich alles Kandidaten auf dem Weg zu ihrem nächsten Vorstellungsgespräch. (Foto: Emmuel Ammon)

Womöglich alles Kandidaten auf dem Weg zu ihrem nächsten Vorstellungsgespräch. (Foto: Emmuel Ammon)

Sportbegeisterte aus aller Welt treffen sich jeden April zum größten Marathon der Schweiz in Zürich, um exakt 42,195 Kilometer hinter sich zu bringen. Doch viel Kraft und Ausdauer müssen derzeit auch Kandidaten aus den Finanzdienstleistungen aufbringen. Denn durch die Krise entwickelt sich der Vorstellungsgesprächsprozess auch in Zürich zu einer Marathon-Veranstaltung. Wir haben bei Schweizer Headhuntern nachgefragt, wie sich die Prozesse am Zürichsee verändert haben.

1. Die Zahl der Vorstellungsgespräche steigt

„Die Zahl der Vorstellungsgespräche nimmt tendenziell zu. Man hat die Auswahl an Kandidaten und Angst, die Stelle falsch zu besetzen. Das wird z.T. zu einem Spießrutenlaufen in den Organisationen“, beobachtet Headhunter Stefan Bächer von Guggenbühl, Bächer, Niederer & Partner in Zürich. Laut dem Experten belaufe sich die Zahl mittlerweile auf drei bis fünf Vorstellungsgespräche. „Unter drei geht nichts mehr“, sagt Bächer.

Desto schwieriger die Zeit, desto zahlreicher die Vorstellungsgespräche. „Diese Entwicklung stellt ein wenig das Spiegelbild der Märkte dar“, bemerkt Bächer. Besonders bei den angelsächsischen Häusern und bei den Großbanken habe die Zahl während der Krise zugenommen. Üblicherweise fände das erste Gespräch mit dem HR und der Linie statt. Anschließend würden individuell ganz unterschiedliche Einzelgespräche mit Linie, Team, HR oder auch ein Assessment Center stattfinden.

Laut Stephan Surber von Michael Page in Zürich erschwerten auch die Umstrukturierung bei Großbanken in der Schweiz die Prozesse. So würden die Verantwortlichkeiten wechseln, was die Prozesse in die Länge ziehe und ggf. weitere Vorstellungsgespräche erforderlich mache.

Dagegen erkennt Emanuel Kessler von kessler.vogler in Zürich keinen Zusammenhang zwischen der Zahl der Vorstellungsgespräche und der Krise auf dem Arbeitsmarkt für Finanzprofis. Laut Kessler werden die Kandidaten in der Schweiz durchschnittlich zu zwei bis vier Vorstellungsgesprächen eingeladen.

2. Die Prozesse ziehen sich in die Länge

„Eher sind die Wartezeiten zwischen den Vorstellungsgesprächen länger geworden“, beobachtet Kessler. Wenn der „Leidensdruck“ seitens des Arbeitgebers hoch sei, dann könne ein zweites Gespräch auch am folgenden Tag stattfinden. Doch es gebe auch Fälle, wo bis zum nächsten Termin zwei Monate verstreichen, was besonders bei neugeschaffenen Stellen zu beobachten sei.

Mit der Krise müsse eine Stelle nicht nur einmal vor der Ausschreibung bewilligt werden. Vielmehr gebe es immer öfter eine zweite Bewilligungsebene, wenn es um die tatsächliche Besetzung der ausgeschriebenen Stelle gehe.

Ähnlich sieht dies auch Klaus Robert Biermann von BiermannPartners in Zürich: „Die Prozesse gehen nicht mehr so schnell, es sei denn es handelt sich um strategisch wichtige Positionen.“ Während früher vier bis sechs Wochen üblich gewesen wären, seien es heute teilweise zwei bis drei Monate.

Allerdings hat der Experte auch schon gegenläufige Erfahrungen gesammelt. So würde mancher Bankmanager versuchen, schnell noch eine bewilligte Stelle zu besetzen, um der Gefahr zu entgehen, dass dieser Headcount zwischenzeitlich wieder gestrichen wird.

3. Immer mehr gute Kandidaten springen ab

Als Folge der Marathon-Prozesse würden immer wieder Kandidaten mit guten Profile während eines Prozesses abspringen. „Vor dem Hintergrund der Krise wollen die Leute, eine Chance auf einen Job nicht verstreichen lassen, auch wenn ein späteres Angebot womöglich besser wäre“, ergänzt Kessler.

4. Mehrere Gespräche mit derselben Person

Eine weitere Auswirkung der Krise auf den Vorstellungsprozess beobachtet Biermann. Demnach komme es immer häufiger vor, dass Kandidaten zu zwei oder gar drei Vorstellungsgesprächen mit derselben Person eingeladen werden wie z.B. mit dem Vorgesetzten in spe. „Dies geschieht, um sich die Kandidaten trotz der langen Prozesse warm zu halten“, ergänzt Biermann.

5. Immer mehr Telefoninterviews

Laut Surber sind Telefoninterviews bei internationalen Kandidaten schon seit längerem verbreitet, um Reisekosten und Zeitaufwand zu sparen. Doch jetzt beobachtet der Experte auch eine zunehmende Zahl von Telefoninterviews bei Kandidaten aus der Schweiz. In einem solchen Gespräche würden in einer halben Stunde vorab technische Details abgefragt und etwaige Unstimmigkeiten geklärt.

6. Abkürzung für lokale Kandidaten

Die Krise bietet jedoch zumindest für lokale Kandidaten eine Abkürzung im Vorstellungs-Marathon. „Desto stärker die Krise, desto mehr sind Locals gefragt“, sagt Surber. Denn durch die Einstellung von Kandidaten aus dem Großraum Zürich würden etwaige Sonderkosten für die Einstellung internationaler Kandidaten entfallen wie für den Umzug, die Schul- und Wohnungssuche etc. Diese Kosten würden in der Krise gerne vermieden. Doch für den Vorzug einheimischer Kandidaten gibt es auch einen ganz einfachen Grund: Sie sind derzeit verfügbar – das war nicht immer so.

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