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KOMMENTAR: Wie die London Boys Ansehen und Gehälter der Branche verspielen

FHamann

Die Londoner City erlebt ein beispielloses Gewitter an Skandalen und Affären. So ist am Wochenende Barclays-Chairman Marcus Agius zurückgetreten. „Ich werde hier nicht den Schwarzen Peter weiterreichen, sondern Verantwortung übernehmen, indem ich zurücktrete“, sagte Agius. Grund für den Rücktritt stellte die Manipulation des wichtigen London Interbank Offered Rate (Libor) dar. Dieser bildet ab, zu welchen Zins-Referenzsatz sich die Banken untereinander Geld leihen. Diesen sollen etwa 20 Banken zwischen 2005 bis 2009 künstlich in die Höhe getrieben haben, um die Differenz als Handelsgewinn einzustreichen. Barclays Capital stellt die erste Bank dar, die die Manipulation eingeräumt hat. Doch auch UBS und Deutsche Bank werden in diesem Zusammenhang genannt.

Dabei geht es nicht um Peanuts, denn der Libor stellt einen der wichtigsten Referenzsätze für Zinsen rund um den Globus dar. Derzeit sollen sich Finanzprodukte im Wert von 360 Billionen Dollar auf den Libor stützen. Dies entspricht etwa dem 24fachen des Bruttoinlandsproduktes der USA.

Nur wenige Wochen zuvor hatte der Londoner Starhändler Bruno Iksil – anscheinend im Auftrag seines Arbeitgebers JP Morgan – mindestens 2 Mrd. Dollar in misslungenen Hedging-Geschäften verspielt. Laut Medienberichten könnte der Verlust der Bank letztlich auch beim Dreifachen landen. Aufgrund der Höhe seiner Handelspositionen trägt Iksil in der City den bezeichnenden Namen „Londoner Wal“ – von kleinen Fischen ist jedenfalls auch hier nicht die Rede.

Nicht einmal zehn Monate ist es her, dass der Delta One-Trader Kweku Adoboli durch Zockereien auf Aktienindizes die Kleinigkeit von 2,3 Mrd. Dollar seines Arbeitgebers UBS verspielt hat. Dies war nur möglich, weil Adoboli Absicherungsgeschäfte vorgaukelte und das Risikomanagement dies nicht erkannte (oder erkennen wollte).

Alle diese Skandale und Affären sind von ihrer Natur her recht unterschiedlich. Dennoch gibt es einige Gemeinsamkeiten: Sie fanden allesamt in London statt und zeugen von einem tiefsitzenden Mangel von Integrität und Moralität am größten europäischen Finanzplatz. Auf nicht einmal einer Quadratmeile hat sich offenkundig ein Mikrokosmos von Wertvorstellungen etabliert, der sich gründlich vom Rest der Welt unterscheidet.

Dennoch werden Banker auch im Rest Europas – von Frankfurt, über Luxemburg bis nach Zürich – die Affären am eigenen Leibe zu spüren bekommen. So ist es mittlerweile schon fast peinlich, im Freundes- und Bekanntenkreis eingestehen zu müssen, dass man als Banker sein Geld verdient – vielleicht sogar als Investmentbanker.

Noch schlimmer: Die Banker im Rest Europas – wo die Gehälter deutlich niedriger als in London ausfallen – werden die Folgen dieser Skandale auch im eigenen Portemonnaie bemerken. Denn mit jedem Skandal wächst der Ruf der Politik und der Bevölkerung Regulierung, Aufsicht, Risikomanagement, Compliance, Eigenkapitalbasis usf. zu verstärken. Doch jeder dieser Schritte kostet Geld oder vermindert die Erträge. Schon seit Monaten mehren sich daher die Studien, die deutlich geringere Margen und Vergütungen in der Branche prognostizieren. Mit jedem neuen Skandal wächst somit sukzessive der Druck auf die Gehälter – da kann man den Boys aus London  nicht wirklich dankbar sein.

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