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INTERVIEW mit einem früheren Merrill Lynch-Banker: Karrieren in M&A brauchen 15 bis 20 Jahre

Artem Tutov

Artem Tutov  stammt aus Russland und hat bei Merrill Lynch in London fünf Jahre lange an Transaktionen in der europäischen Energiebranche mitgearbeitet. Kürzlich hat er sein eigenes Technologie-Unternehmen gegründet.

Wie sind Sie ins Investmentbanking gelangt?

Ich bin hineingeboren und aufgewachsen in einer Familie von Doktoren in einer kleinen Siedlung in Chukotka. Ich hegte keinerlei Zweifel an meinem zukünftigen Beruf: Ich wusste immer, dass ich in Finance arbeiten würde. Nachdem ich mein Abitur abgelegt habe, nahm ich ein Studium am staatlichen Management Institute auf. Ich habe verschiedene Praktika absolviert und nach dem Abschluss wurde ich von PwC für die Arbeit in der Practice Corporate Finance angestellt.

Die beiden Jahre bei PwC stellten eine exzellente Ausbildung dar. So habe ich mit internationalen Kollegen zusammengearbeitet, bin auf Geschäftsreisen gegangen und war in interessanten Projekten wie die IPOs von Novatech und NLMK eingebunden. Dabei habe ich erstmals echte Investmentbanker aus der Londoner City kennengelernt und wurde von ihnen inspiriert.

Ich entschied mich dazu, mich nach einer Einstiegsposition bei einer der großen, internationalen Investmentbanken umzusehen. Darum kümmerte ich mich selbst, ohne zu Headhuntern zu gehen. Denn jede Bank verfügt über einen Karriere-Bereich auf seiner Website, wo Sie Informationen über den Einstellungsprozess und Kontaktangaben finden, wohin Sie Ihre Bewerbung senden können.

An Ende habe ich mich wahrscheinlich bei mehr als 20 Banken beworben, wovon mehr als die Hälfte nicht geantwortet hat und einige haben zurückgeschrieben, dass Sie momentan keine Einstellungen vornehmen. Dennoch waren drei Banken bereit, mit mir zu sprechen. Etwa drei Monate später  erhielt ich zwei Angebote aus London, wovon eines von Merrill Lynch stammte.

Wie schwierig fiel das Vorstellungsgespräch?

Bei Investmentbanken nimmt man Vorstellungsgespräche sehr ernst und der Einstellungsprozess kann manchmal einige Monate dauern, in denen Sie mit der HR-Abteilung der Bank zu tun haben. Dabei überstand ich zwei Telefoninterviews, fünf Vorstellungsgespräche mit Kollegen von der Moskauer Niederlassung und eine einstündige Fallstudie. Darauf folgte der abschließende Trip nach London für einen Tag voller Meetings mit den Bankern aus der Energie-Sparte, für die ich eingestellt werden sollte. In meinem Fall wurden für die letzte Runde zwölf Vorstellungsgespräche anberaumt. Allerdings konnten einige Leute aufgrund anderer Meetings und Geschäftsreisen nicht erscheinen. Dagegen brachten andere weitere Kollegen mit sich. Am Ende habe ich mit ungefähr 15 Leuten gesprochen.

Ich nehme an, dass ein solcher Einstellungsprozess für einige Leute, die nicht aus der Branche stammen, wie ein Albtraum anmutet. Tatsächlich geben ihnen die Vorstellungsgespräche die Chance, ihre künftigen Kollegen kennenzulernen, Ihnen von sich zu erzählen und herauszufinden, wie das Team ausschaut. Dies stellt eine große Hilfe dar, wenn es in den ersten Wochen des neuen Jobs darum geht, sich in das neue Büro zu integrieren.  Denn zum Zeitpunkt des Arbeitsbeginns kennen Sie bereits die meisten Kollegen.

Welche Art von Fragen wurde Ihnen gestellt?

Alle möglichen: Von Denkaufgaben und Bewertungsfragen über Finanzanalyse bis hin zu psychologischen Fragen zur Motivation, meiner Teamfähigkeit und der Fähigkeit, sich an die Geschwindigkeit einer Bank anzupassen.

Dabei gab es auch einige eher lustige Fragen zu meinem russischen Background: „Wie häufig in der Woche drinken Sie Wodka?“, „Besitzen Ihre Eltern eine Ölgesellschaft?“, „Sind russische Banker streitlustig?“ Doch diese Fragen wurden natürlich alle im Scherz gestellt.

Worauf wird am meisten geachtet, wenn man sich bei der Bank of America Merrill Lynch bewirbt?

Sie prüfen, ob Sie in der Lage sind, Ihre Gedanken in einer logischen Reihenfolge vorzubringen und präzise gut strukturierte Antworten auf Fragen zu geben. Sie prüfen auch Ihr Wissen über Corporate Finance und von speziellen Sektoren, ebenso wie allgemeine Fragen über das Tätigkeitsgebiet und die Arbeit von großen Investmentbanken.

Tatsächlich lautet die Kernfrage folgendermaßen: „Wir wissen, dass Sie intelligent sind und über einen guten akademischen Abschluss verfügen. Doch werden Sie auch gut darin sein, bei uns zu arbeiten?“

Doch am meisten zählt die Motivation des Kandidaten. Denn Motivation stellt einen sehr ernsten und wichtigen Punkt für die Differenzierung dar. Dabei handelt es sich um etwas, worüber Sie vor den Gesprächen gut nachdenken müssen. Denken Sie nicht nur über die Vorteile nach, die eine Arbeit in M&A mit sich bringt, sondern auch über die Nachteile: Sie wollen ja nicht in einer Bank anfangen und später desillusioniert und demotiviert sein.

Von M&A-Bankern wird behauptet, dass sie manchmal extrem lange Arbeitszeiten haben. Trifft dies zu?

Leider ja, wobei „manchmal“ eher ein Understatement darstellt. Wir arbeiteten sehr lang, wie es in der Branche die Norm ist. Dennoch müssen Sie verstehen, dass lange Arbeitszeiten nicht notwendigerweise bedeuten, dass die Leute ständig an ihren Telefonen hängen und auf ihren Tastaturen herumhämmern. Die Arbeit in M&A umfasst an einem normalen Arbeitstag eine Menge unterschiedlicher Aufgaben und die Vielfalt kann eine Quelle von psychischer Erholung darstellen. Sogar Nachwuchsbanker verfügen über einige Flexibilität, wenn es um die Planung und Strukturierung ihrer Arbeit geht. Sie sollten versuchen, bei allem, was Sie machen, sehr organisiert zu sein, so dass Sie den Eindruck haben, nichts Wichtiges zu vergessen. Falls sie etwas vergessen, dann stellt es Ihren Fehler dar, es nicht hart genug versucht zu haben. Die Arbeit in einer Bank bringt Sie zu einem organisierteren Arbeitsstil und dies wirkt sich auf andere Lebensbereiche aus. Daher sollten Sie anstreben, hart zu arbeiten, und eben noch mehr zu leisten.

Was sollten Sie bei der Arbeit in M&A vermeiden?

Lange Arbeitszeiten werden zu  einer Herausforderung, wenn Sie sich zu fragen beginnen, wieso Sie das machen. Wieso werden Sie schlechter bezahlt als andere? Vielleicht brauchen Sie eine Veränderung? …

Sobald dies eintritt, verlieren Sie Ihre Motivation. Und seine Motivation zu verlieren, kann gefährlich werden, da die Arbeit eines Bankers einen großen Anteil unabhängiger Arbeit umfasst und Sie müssen die Selbstmotivation aufbringen, alles geregelt zu bekommen.

Abgesehen von den langen Arbeitszeiten – worin bestehen die Nachteile, für eine Bank zu arbeiten?

Das Problem Nummer ein besteht in dem verbreiteten Wunsch, alle Dinge zu verkomplizieren – damit scheint ein großer Teil der Banker geboren worden zu sein. In der Investmentbanking-Branche grassiert der Perfektionismus. Dies schlägt sich oft in dem Wunsch nieder, hart zu arbeiten und mehr zu machen als eigentlich nötig wäre. Die Erkenntnis, dass viele Dinge viel einfacher sind als sie erscheinen, stellt sich erst mit Erfahrung ein.

Der zweite Nachteil besteht in den ausgiebigen Geschäftsreisen. Dazu müssen Sie wissen, dass es völlig unterschiedlich ist, nach Paris wegen eines Kongresses zu reisen oder dorthin zu gehen, um als Banker zu arbeiten. Denn nur weil Sie den halben Tag mit der An- und Abreise verbringen und damit, durch die Passkontrolle zu gehen und auf den Flug zu warten, heißt dies nicht, dass Sie die Arbeit liegen lassen könnten. Vielmehr müssen Sie jede freie Minute nutzen, die Sie bekommen können. So war ich für die Arbeit rund 20 Mal in Skandinavien, aber ich träume noch immer davon, nach Stockholm als Tourist zu reisen.

Der dritte Nachteil besteht darin, dass sich die Vorteile später als die Nachteile einstellen. Darüber müssen Sie sich im Klaren sein. Eine Menge Arbeit, verlorene Wochenenden, unglückliche Freunde – dabei handelt es sich alles um Probleme, die sich sofort einstellen, während Berufserfahrung aus erster Hand und berufliches Ansehen erst Jahre benötigen, bevor sie sich einstellen.

Kompensiert das Gehalt für alle diese Nachteile?

Es ist eine Legende, dass Banker irrsinniges Geld verdienen. Sicher gibt es bei jeder Bank 50 bis 100 Leute, die Millionen kassieren. Doch Sie müssen wissen, dass es sich dabei um hohe Führungskräfte handelt, die Ihr Leben ihrem Job geopfert haben.

Die materielle Komponente besteht darin, dass Sie sich sicher fühlen können, manchmal auch sehr sicher. Doch bei einer Karriere im Banking handelt es sich oft um ein langfristiges Projekt für 15 bis 20 Jahre. Darauf müssen Sie sich einstellen.

Was haben Sie während Ihrer Arbeit bei Merrill Lynch gelernt?

Ich habe meine Zeit bei der Bank immer als einen großen Schritt in meiner persönlichen Entwicklung betrachtet und ich sage oft zu meinen Kollegen, dass wenn mich die Bank nicht für meine Arbeit bezahlt hätte, dann hätte ich für die Berufserfahrung gezahlt.  Es handelt sich wirklich um eine erstklassige berufliche Ausbildung, die Sie auf künftigen Erfolg vorbereitet. Ich wollte schon immer mein eigenes Unternehmen gründen, aber die Arbeit bei der Bank stellt einen wichtigen Schritt in meiner beruflichen Entwicklung dar.

Ihre Kollegen stellen dabei eines der wichtigsten Assets dar: Das Banking zieht intelligente und ehrgeizige Persönlichkeiten an und Sie bleiben im Kontakt, auch wenn Sie zu einem anderen Unternehmen oder in einen anderen Sektor wechseln. Ich denke, dass die Alumni-Netzwerke ehemaliger Investmentbanken die Netzwerke der amerikanischen Top-Business Schools in Breite und Einfluss übersteigen.

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