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GASTKOMMENTAR: Über den Menschen Josef Ackermann

Manfred Pohl leitete viele Jahre das Historische Institut der Deutschen Bank und ist Initiator sowie geschäftsführendes Vorstandsmitglied des im Jahr 2008 gegründeten Frankfurter Zukunftsrates.

Manfred Pohl leitete viele Jahre das Historische Institut der Deutschen Bank und ist Initiator sowie geschäftsführendes Vorstandsmitglied des im Jahr 2008 gegründeten Frankfurter Zukunftsrates.

Während Ackermann im Ausland wegen seiner Leistungen in der Kreditwirtschaft und der Politik hohes Ansehen genießt, gelang es ihm in Deutschland nur zeitweise, in der Politik und der öffentlichen Meinung für seine Leistung Anerkennung zu erhalten. Diese Tatsache gehört sicherlich zu seinen Enttäuschungen in diesen zehn Jahren. Wer Ackermann kennt und mit ihm öfter zusammen ist, der weiß, dass er ein aufrichtiger und geradliniger Charaktermensch ist, der natürlich in seiner beruflichen Laufbahn Entscheidungen fällen musste, die nicht nur für viele hart, sondern auch unverständlich waren, aber in der Gesamtsicht die Richtigkeit seiner Strategie bestätigen.

Ackermann ist kein eiskalter Manager, der mit Zahlen und Menschen jongliert. Das Einzelschicksal von Mitarbeitern und Kunden beschäftigt und berührt ihn. Er weiß, dass er nicht in der Lage ist, sich um jeden einzelnen Mitarbeiter und Kunden zu kümmern, sondern dass er das Wohl aller im Auge haben muss. Aber viele Mitarbeiter wissen und haben konkret erfahren, dass er hilft, wo er kann. Aber klar ist auch, dass bei über hunderttausend Mitarbeitern Ackermann nicht überall helfen kann.

Seine Anweisungen, in Not geratenen Mitarbeitern zu helfen, sind klar und wurden auch umgesetzt. Ackermann ist äußerst sensibel, vor allem wenn er Unrecht erfährt. Charakter praxisnah auszuüben ist einer seiner Grundstrukturen. Im März 2012 zeichnete er deshalb auch erstmals drei Mitarbeiter mit dem „Deutsche Bank Mitarbeiterpreis für soziales Engagement“ aus.

Ackermann liebt zudem Geselligkeit und Gespräche außerhalb des Berufsgeschehens, wie zum Beispiel Diskussionen über Oper, aber auch Theater. Schon in seiner Jugend war er ein sehr guter Sportler, besonders in Leichtathletik. Somit ist es verständlich, dass er bis heute Sport nicht nur fördert, sondern auch interessierter Zuschauer von Fußballspielen oder Olympischen Spielen ist. Er besuchte beispielsweise auch mit der Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt, Petra Roth, Fußballspiele der Eintracht Frankfurt.

Wer in allen Teilen der Welt Geschäfte tätigt und für den Grenzen längst kein entscheidendes Hemmnis mehr sind, dem sind auch bei aller unbegrenzter Rastlosigkeit Augenblicke des Innehaltens, vielleicht sogar Momente der Ratlosigkeit zu gönnen, um sich wieder der Endlichkeit seiner Handlungen und Entscheidungen bewusst zu werden.

Ackermann liebt Musik, er findet hier Entspannung und Erholung. „Ich kann mir einen Tag ohne Musik kaum vorstellen. Neben klassischer Musik habe ich eine Vorliebe, Jazz. Zu meiner Zeit in New York, in den späten 1970er Jahren, besuchte ich gern Jazzclubs“, sagte Ackermann der Bild-Zeitung.

Ursprünglich hatte Ackermann sein Ausscheiden für 2010 geplant. Dass er dieses Datum auf Drängen des Aufsichtsrates auf den Tag der Hauptversammlung des Jahres 2013 hinausschob, war verständlich und für die Entwicklung der Deutschen Bank ein Gewinn. Dass es dann immer wieder Diskussionen über seine Nachfolge gab, bis schließlich die Doppelspitze mit dem 49-jährigen Investmentbanker Anshu Jain und dem 63-jährigen Jürgen Fitschen gefunden wurde, zeigt die Komplexität der Deutschen Bank und ihrer Führungsstruktur. Dass Ackermann vorübergehend den Aufsichtsratsvorsitz von Clemens Börsig übernehmen wollte und dann sich anders entschied, zeigt, wie schwierig für Ackermann die Entscheidung zwischen persönlicher Lebensplanung und Verantwortungsbewusstsein war. Diese Diskussionen und der ständige Meinungswechsel führten schließlich dazu, dass Ackermann sich dazu entschloss, zur Hauptversammlung 2012 am 31. Mai auszuscheiden. Er wird in sein Heimatland zurückkehren und soll neuer Verwaltungsratspräsident des Schweizer Versicherungskonzerns Zurich Insurance Group werden.

Es werden viele Bilder von Ackermann bleiben, mit Sicherheit wird er nicht nur mit der Zahl 25 in die deutsche und internationale Bankengeschichte eingehen, sondern auch als einer der ganz besonderen Banker des beginnenden 21. Jahrhunderts.

Anfeindungen von innen und außen haben in der Deutschen Bank Tradition. Bereits der erste Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Georg von Siemens, musste sich mit Kanzler Bismarck über die  Reform des Aktienrechts auseinandersetzen und intern gegen die bedeutendsten Privatbankiers Deutschlands, die die Deutsche Bank beherrschten, die Unabhängigkeit verteidigen. Hermann Josef Abs war als Berater Adenauers und in seiner Eigenschaft als Vertreter Deutschlands bei der Verhandlung des Londoner Schuldenabkommens umstritten und konnte sich gegen seine Vorstandskollegen bei der Einführung des breiten privaten Kundengeschäfts nicht durchsetzen. Alfred Herrhausen schließlich erregte die Gemüter, als er einen Schuldenerlass für die Entwicklungsländer forderte, und hatte so manchen Vorstandskollegen bei der Installation seiner Ideen in der Bank gegen sich. Allen aber ist gleich, dass der Bankberuf nicht ihre erste Wahl war: Georg von Siemens wäre lieber Archäologe, Hermann Josef Abs Dirigent, Alfred Herrhausen Philosoph und Josef Ackermann Opernsänger geworden.

Sie träumten alle von einer anderen Welt und waren vielleicht gerade deshalb so erfolgreich.

Manfred Pohl leitete viele Jahre das Historische Institut der Deutschen Bank. Anlässlich des Ausscheidens des Unternehmenschefs hat Pohl dessen Biografie verfasst: „Josef Ackermann. Leistung aus Leidenschaft. Eine Würdigung“, 204 Seiten, Frankfurter Allgemeine Buch und für die Schweiz: Verlag Neue Zürcher Zeitung,. Der vorliegende Beitrag wurde von den Seiten 157 bis 159 entnommen.

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