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Interview mit Baader Bank-Vorstand: MiFID II bedroht 20 bis 30 Prozent der Stellen im Aktienresearch

Christian-Bacherl

Nach einem BWL-Studium an der European Business School in Oestrich-Winkel und der Informatik an der James Madison University in Virginia hat Christian Bacherl 1997 seine Karriere in Equity Capital Markets bei der HypoVereinsbank begonnen, wo er es zum Head of Equity Capital Markets brachte. 2008 erfolgte der Wechsel zur Baader Bank in Unterschleissheim bei München. Seit 2015 gehört er dem Vorstand an und trägt die Verantwortung für den Bereich Capital Markets und Research.

Ab Januar wird es ernst. Dann wird die EU-Richtlinie MiFID II geltendes Recht. Sie sieht u.a. vor, dass künftig die Kosten für Broking und Research getrennt ausgewiesen und bezahlt werden. Viele fürchten, dass sich Fondsgesellschaften und andere Investoren dann das Aktienresearch sparen könnten. Ich muss aber gestehen, so richtig den Durchblick über die Auswirkungen habe ich nicht.

Damit stehen Sie nicht allein da.

Wie schätzen Sie die Folgen von MiFID II auf das Aktienresearch ein?

Auch in der Vergangenheit war das Research nicht kostenlos. Es wurde nur gebündelt und umsatzbezogen bezahlt. Jetzt sagt der Gesetzgeber: Das möchte ich nicht mehr. Ich habe das Gefühl, da wird zu viel für zu wenig Leistung gezahlt. Die Kosten müssen künftig für Research bezogene Dienstleistungen, Unternehmensbesuche und den reinen Handel separat ausgewiesen werden.

Das schafft erst einmal Transparenz. Aber es bringt auch die gesamte Branche unter Druck und es wird im Verlauf der Zeit zu Konzentrationen kommen – sowohl auf der Buy-side (Asset Management) als auch auf der Sell-side (Investment Banking).

Auf der Sell-side wird es künftig noch stärker darauf ankommen, ein klares Profil zu haben. Das Research-Produkt muss aus Kundensicht einen gewissen Mehrwert bieten. Da ist man in der Vergangenheit vielleicht grosszügiger gewesen als man sich das in der Zukunft leisten kann. Die Absicht des Gesetzgebers besteht sicherlich darin, die Kosten für derartige Leistungen auf der Asset Management-Seite zu senken. Das wird die Sell-side zu spüren bekommen. Die Buy-side muss sich überlegen: Brauche ich noch die gleiche Anzahl an Research-Anbietern oder gibt es da Duplizierungen, auf die ich verzichten kann?

Damit wird künftig weniger Geld fürs Research zur Verfügung stehen?

Davon ist auszugehen. Es gibt zwar immer noch die Möglichkeit, die Research-Dienstleistungen dem Sondervermögen zu belasten. Aber sie müssen dennoch ausgewiesen werden. Die Transparenz wird dazu führen, dass nicht mehr das gleiche gezahlt wird wie in der Vergangenheit. Die Kosten für das Research sind das eine, die für den Handel das andere. Möglicherweise werden auch diese Kosten unter Druck geraten. Auch da lässt sich Geld sparen.

Die Aktien müssen aber auch in Zukunft gehandelt werden. Bei Research lässt sich doch leichter Geld sparen?

Das ist sicher der Fall. Die Frage ist allerdings: Weiss ich dann genau so viel wie vorher und kostet mich das am Ende nicht Performance?

Wir haben über die Branche gesprochen. Mich würde interessieren, wie Sie konkret bei Baader mit dieser Herausforderung umgehen?

Wir sind klar als regionaler Broker positioniert und analysieren Werte aus Deutschland, der Schweiz und Österreich (DACH). Hier verfolgen wir einen sektoralen Ansatz und wollen dort einen Mehrwert bieten, wo wir aus unserer lokalen Präsenz heraus eine überlegene Meinung zu einer Aktie transportieren können. Wir wollen uns beim Investor als erste oder zweite Meinung bei denjenigen Aktien etablieren, die wir analysieren.

Und wenn Sie fragen, wie kann Aktienresearch überleben? Dann muss ich extrem gut sein. Die Zahl der globalen Häuser wird wahrscheinlich sinken. Die Strategie kann lauten: Ich bin global und extrem gut oder ich bin in der Nische und dort extrem gut und damit komplementär zum globalen Research. Genau das ist unsere Strategie. Wir sind komplementär zu globalen Anbietern. Durch die Verankerung in der DACH-Region erreichen wir eine tiefere Marktabdeckung als das einem globalen Haus möglich ist. Wir decken aber alles ab – vom Grosskonzern bis hin zum relativ kleinen Unternehmen. Dadurch liefern wir eine Research-Meinung, die grosse Häuser oft nicht abdecken. Der Investor hat so die Möglichkeit, das berühmte Alpha zu generieren.

Wir sind schon immer in der regionalen Nische positioniert und müssen auch hier unsere Aufgabe extrem gut machen. Externe Nachweise wie beispielsweise die jährliche Extel-Umfrage werden künftig noch wichtiger werden. Dabei finden Sie uns in unseren Ländern überall unter den Top 3 oder 4. Das ist eine Positionierung, die wir ausbauen wollen.

Zur Vorbereitung auf MiFID II haben wir unser Produkt und unseren Headcount überprüft und gleichzeitig in Qualität investiert. Das werden wir weiter verfolgen.

Sie haben gesagt, Sie hätten Ihren Headcount überprüft. Haben Sie sich bereits von Mitarbeitern getrennt?

Es geht ganz klar um eine Fokussierung und Überprüfung des Produkts und um die Frage, was der Kunde bei uns nachfragt. Da haben wir im vergangenen Jahr in der Tat erste Anpassungen vorgenommen. Wir haben die Entscheidung getroffen Sektoren aufzugeben, um gleichzeitig andere Sektoren weiter zu stärken, in denen wir bereits eine sehr positive Wahrnehmung haben.

In welchen Bereichen sind Sie stark?

Das sind die Aktien, die wir analysieren und für die auch die Region steht. Das sind sicherlich sehr lokale Themen wie Real Estate-Aktien, der Maschinenbausektor, Pharma & Biotech vor allem in der Schweiz. Wir sind ab er auch extrem angesehen in Chemie, Foods und Fast Moving Consumer Goods.

Wie wollen Sie Ihre Kunden davon zu überzeugen, ab Januar das Research gesondert zu bezahlen?

Der Prozess ist in vollem Gange. Ab 2018 wäre der Research-Versand ohne eine separate Vergütung eine Zuwendung und entsprechend verboten.

Und wie ist die Reaktion auf der Investorenseite? Sind sie bereit zu zahlen?

Diese Gespräche führen im Moment alle Banken; auch wir.

Wie wird sich der Beruf des Aktienanalysten unter MiFID II verändern? Worauf müssen Aktienanalysten achten, um eine Zukunft in der Branche zu haben?

Sie müssen flexibler werden als in der Vergangenheit, bedarfsorientierter produzieren und nicht „me too“ agieren. Sie müssen versuchen das eigene Research zu positionieren und zu vermarkten. Diesen Trend gibt es schon seit einigen Jahren. Er wird weiter an Bedeutung gewinnen.

Was würden Sie jungen Leuten raten? Kann das Aktienresearch Studenten überhaupt noch eine Zukunft bieten?

Ich glaube, dass der Research-Analyst in den Banken relativ zum Sales sogar an Bedeutung gewinnen wird. Denn in Zukunft muss man fürs Research bezahlen. Bislang wurde es nur als Cost-Centre begriffen, während der Sales-Man das Geld verdient hat. Tatsächlich wird sich auch das Profil eines Sales-Experten beträchtlich wandeln – vielleicht sogar noch stärker als das eines Research-Analysten.

Wenn man gut ist und sich etwas zutraut, dann kann man immer noch den Beruf eines Aktienanalysten wählen. Man muss in der Lage sein, ein proprietäres, diskretionäres Research zu erstellen. Mit der Kommentierung, wie die Zahlen relativ zu Konsensus und Historie ausgefallen sind, werden Sie in Zukunft keinen Blumentopf mehr gewinnen können.

Sie sagen MiFID II wird auch das Profil eines Sales-Mitarbeiters verändern? Wie wird das neue Profil aussehen?

Der Sales-Mann wird noch viel stärker zum Account-Manager werden. Es muss sicherstellen, dass das Research-Produkt vom Kunden wahrgenommen wird. Bislang hatten Sales-Mitarbeiter grosse Freiheiten, wie sie mit den Kunden zusammenarbeiten. Das wird unter MiFID II stark eingeschränkt werden.

Nun haben wir über die Sell-side gesprochen. Welche Auswirkungen wird MiFID II auf das Asset Management haben?

Jeder spricht vom Brokersterben. Aus meiner Sicht wird es auch ein Asset Manager-Sterben geben. Wenn Asset Manager durch MiFID II bestimmte Kosten selbst übernehmen müssen, wenn Research zu einem Fixkostenblock wird und nicht mehr zu den variablen Kosten zählt, dann sind Asset Manager zur Grösse verdammt. MiFID II bevorteilt Grösse im Asset Management. Dadurch wird es zu Zusammenschlüssen kommen müssen. Die kleinen Häuser werden sich das breite Research nicht mehr leisten können. Sie werden dadurch einen schlechteren Zugang zu Informationen haben, worunter wiederum die Performance leidet. Und wenn die Performance leidet, dann fliessen Gelder ab – ein Teufelskreis.

Die Konsolidierung im Aktienresearch wird also weitergehen. Wie viele Stellen wird dies in Deutschland, der Schweiz und Österreich im Aktienresearch kosten? Wie lautet Ihre Prognose?

Meistens dauert eine Konsolidierung etwas länger. Im kommenden Jahr wird sich noch nicht viel tun. Aber in den Jahren 2019/20 wird noch einmal ein enormer Druck auf der Branche lasten. 20 bis 30 Prozent der Jobs im Aktienresearch sind m.E. gefährdet.

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